Dienstag, 1. August 2017

Anerkennung Abschlüsse


Diakonie hilft bei Anerkennung von Zeugnissen

 
Die Integration schreitet immer weiter und schneller voran – immer mehr Flüchtlinge sind inzwischen anerkannt, haben ein stattliches Sprachlevel in Deutsch erreicht und wollen nun endlich arbeiten – am liebsten natürlich da weitermachen, wo sie in der Heimat aufgehört haben. 

Hier gilt es, einige Hürden zu nehmen. Selbst wenn Zeugnisse und Hochschuldiplome vorliegen, müssen diese erst einmal übersetzt und – in der deutschen Bürokratie noch wichtiger! - anerkannt werden. Das heißt, es wird geprüft, ob der ausländische Berufs- und Universitätsabschluss mit einem deutschen Abschluss vergleichbar/gleichwertig ist. Auch möchten viele Betroffene wissen, welcher Beruf in Deutschland zu ihrer früheren Ausbildung passt.

Information und Hilfe bei der kompletten Antragstellung bietet die Diakonie Karlsruhe kostenlos und vertraulich auch für alle Betroffenen aus Baden-Baden an. Wie Elisabeth Deutscher von der Diakonie mitteilte, kommen zurzeit die Bewerber zu ihr direkt nach Karlsruhe. 
 
Sie hält abe auch in Zusammenarbeit mit der Caritas Rastatt einmal im Monat Sprechstunden in Rastatt in den Räumen der Caritas, Carl-Friedrich-Str. 10, an. (=> Caritas RA - KLICK). 
Steigt der Bedarf an Beratung in Baden-Baden, ist auch irgendwann eine Sprechstunde in Baden-Baden direkt möglich.
Kontakt:
Tel: 0721 167-292

Die Anerkennung läuft weiterhin über das RP in Stuttgart.

Die Diakonie Karlsruhe hat einen neuen Flyer zum Thema "Beratung zur Anerkennung ausländischer Zeugnisse" aufgelegt.

Hier geht es zur pdf des Flyers zum direkten Herunterladen => KLICK






Bitte beachten: Es ist immer eine Einzelfallprüfung notwendig, die je nach Antrag zwischen 100 und 600 Euro kosten kann. Plus Übersetzungsgebühren. Die Diakonie berät auch in diesem Fall. 







Dienstag, 4. Juli 2017

Haueneberstein Konzert


Benefizkonzert in Haueneberstein


Zu einem großen Benefizkonzert zugunsten der Flüchtlingshilfe Haueneberstein lädt am Samstag, 15. Juli, die Pfarrgemeinde St. Bartholomäus in die Pfarrkirche ein. Um 19 Uhr beginnt das Gemeinschaftskonzert, in dem der Musikverein unter Leitung von Stefan Seckler und der Sängerbund inPOPnito unter Leitung von Holger Ebeling auftreten werden. Eintritt frei, um Spenden wird gebeten. 




 

Donnerstag, 29. Juni 2017

Maliks Garten


Maliks Garten – immer noch top in Schuss


Erinnern Sie sich noch an die Erfolgsgeschichte über den Garten in der Flüchtlingsunterkunft am Waldseeplatz? 

 

In einer gemeinsamen Aktion mit Ehrenamtlichen und der Stadtverwaltung wurde es Malik Jagana, einem Bauern aus Gambia, ermöglicht, auf einem Stück Land Gemüse anzupflanzen. Er war im Glück und mit Feuereifer bei der Sache, sogar die Oberbürgermeisterin kam, sah und war begeistert!



Hier geht es zum Beitrag vom letzten Jahr => KLICK



 
Gestern gab es einen bösartigen Kommentar auf Facebook, in dem jemand gehässig schrieb, der Garten verwildere immer mehr.






Das wiederum erboste eine Ehrenamtlichen vom Waldseeplatz so sehr, dass sie sofort ganz aktuelle Fotos aufnahm und mir schickte. (Vielen Dank, Monika Demers-Hoefele!)





Ehe nun die Saat dieses Gerüchts aufgeht, aktualisiere ich daher sehr gerne meinen Blog für diese wunderbare Geschichte. 



Sehen Sie sich an, wie liebevoll und akkurat die Beete trotz der sommerlichen Hitze gehegt und gepflegt werden. Man bedenke, dass es ein großes Stück Garten ist und der fleißige Malik keinen bequemen Schlauch zum Bewässern zur Verfügung hat, sondern das Wasser Kanne für Kanne herbeischleppen muss! Und das neben seinem Fulltime-Job. Respekt, Malik! 






 

Mittwoch, 28. Juni 2017

Familienzusammenführung


Die Familie kommt nach!
Was ist zu beachten?


Das Thema Familienzusammenführung ist für Flüchtlinge, die anerkannt sind, ein wichtiges Thema. 
 

1.) Die Anerkennung ist da!

Sobald die Anerkennung als Flüchtling durch das BamF vorliegt, muss schnell gehandelt werden!


2.) Antrag auf Familiennachzug

2a) Antrag online stellen
Im Internet kann eine entsprechende Seite mit dem Antrag auf Familienzusammenführung aufgerufen werden. Binnen drei Monaten nach Anerkennung des Flüchtlings muss der Antrag auf „fristwahrende Anzeige“ gestellt werden:
=> KLICK

Achtung: Immer ausdrucken und eine Kopie machen, dieser Antag wird NICHT elektronisch gespeichert. 

2b) Zustimmung des Ausländeramts einholen

Das Ausländeramt in Baden-Baden muss vorher der Zusammenführung zugestimmt haben.
 

2c) Antrag ausfüllen und an die Botschaft schicken

Dieses Antragsantragsformular muss zügig ausgefüllt und an die Botschaft der entsprechenden Länder geschickt werden.

2d) Visum bei der deutschen Botschaft beantragen

Danach kann die Familie an der deutschen Botschaft des Herkunftslandes (bzw. Libanon für Syrer) ein Visum beantragen. Hierzu muss man sich online einen Termin geben lassen, und dann mit allen Unterlagen inklusive Pass und Passbildern dort persönlich erscheinen. Die Unterlagen kann man auch einscannen und zuvor online schicken.

Ludwig Herfs vom Arbeitskreis Asyl weist in diesem Zusammenhang auf folgende Webseite hin, auf der alle wichtigen Links zu finden sind => KLICK

2e) Der AK Asyl hilft

Bei allen weiteren Fragen zur Familienzusammenführung hilft der Arbeitskreis Asyl gerne weiter. Sprechstunden sind dienstags von 15.45 bis 17 Uhr am Waldseeplatz und von 17.30 bis 19 Uhr in der Westlichen Industriestraße, sowie nach Bedarf.
Bitte anrufen und Nachricht auf der Mailbox hinterlassen.
Tel. 0152 2289 44755
Bescheide und andere Dokumente können auch per Mail an den AK Asyl gesendet werden:
Mail: bb.akasy@online.de

In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass Rechtsanwalt Michael Hummel dem AK Asyl wieder ehrenamtlich zur Verfügung steht.
Am besten ist er über WhatsApp zu erreichen:
01575 8198305
Bitte das fragliche Dokument fotografieren und gleich mitschicken.


3. Die Familie ist da – das Jobcenter hilft weiter

Ist die Familie angekommen, gelten beim Jobcenter folgende Regeln:

Die Familie ist eine so genannte Bedarfsgemeinschaft (= Ehepaare inklusive nicht verheiratete Kinder unter 25 Jahre)

Die Einreise der Familienmitglieder erfolgt in der Regel durch ein nationales Visum. Die Familienangehörigen müssen vor Ablauf dieses Visums einen Aufenthaltstitel beantragen.
Ab dem Zeitpunkt der Einreise mit einem „nationalen Visum zum Zweck des Familiennachzugs“ zu einem anerkannten Flüchtling besteht beim Jobcenter ein Anspruch auf Leistungen nach dem SGB II.

Die Familie muss sich möglichst schnell beim Einwohnermeldeamt in der Briegelackerstraße polizeilich anmelden und beim Ausländeramt vorsprechen, um dort einen Ausweis zu beantragen.

Ebenso umgehend nach der Einreise beim Jobcenter vorsprechen, denn es werden verschiedene Unterlagen verlangt. Welche dies sind, erklärt der zuständige Sachbearbeiter gerne persönlich.
Hier hilft die Dolmetscherin des Jobcenters (Französisch und Arabisch) bei der Übersetzung. 
Tipp des Jobcenters: Bitte sehr frühzeitig, am besten schon, bevor die Familie da ist, mit dem Jobcenter Kontakt aufnehmen, damit man dort zum Beispiel rechtzeitig erfährt, wann die Familie erwartet wird.

Allerdings gibt es bei der Beratung durch das Jobcenter Ausnahmen:
Das Jobcenter berät nur in Angelegenheiten der Grundsicherung für Arbeitssuchende!
Es erfolgt keine Beratung zum Elterngeld, Kindergeld, Leistungen der wirtschaftlichen Jugendhilfe oder zum Familiennachzug.


4. Finanzielle Unterstützung

Anspruch auf Leistungen nach dem SGBII hat, wer
- mindestens 15 und noch nicht 65 Jahre und 6 Monate alt ist
- erwerbsfähig und hilfebedürftig ist und
- den gewöhnlichen Aufenthaltsort in der BRD hat

Ausschlussgründe sind:
- BaföG
- Haft und
- fehlende Leistungsberechtigung wegen ausländerrechtlichen Status

4a.) Regelbedarf

Alleinstehend 409 Euro
Partner 368 Euro
Alleinstehend bis 24 Jahre 327 Euro
Kinder von 14 bis 17 Jahren 311 Euro
Kinder von 6 bis 13 Jahren 291 Euro
Kinder unter 6 Jahren 237 Euro

4b.) Miete

Dazu kommt eine angemessene Grundmiete (bei Bedarfsgemeinschaften):
Haushaltsgröße / Wohnungsgröße / angemessene Kaltmiete / kalte Nebenkosten / Heizkosten
1 Person - 45 qm – 345 Euro – 34 Euro – 51 Euro
2 Personen - 60 qm – 400 Euro – 45 Euro – 68 Euro
3 Personen - 75 qm – 475 Euro – 57 Euro – 85 Euro
4 Personen - 90 qm – 550 Euro – 68 Euro – 102 Euro
5 Personen - 105 qm – 625 Euro – 79 Euro – 119 Euro
Mehrbetrag für weitere Person: 15 qm – 90 Euro – 12 Euro – 17 Euro


5.) Begriffsbestimmungen

Was ist eine Bedarfsgemeinschaft? – Haushaltsgemeinschaft? - Wohngemeinschaft?

5a) Bedarfsgemeinschaft

Eine Bedarfsgemeinschaft besteht in der Regel aus
- dem/der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten sowie
- dem Ehepartner
- eingetragenem gleichgeschlechtlichen Lebenspartner
Person, die mit dem erwerbsfähigen Leistungsberechtigten in einer eheähnlichen Gemeinschaft lebt
- und den unverheirateten Kindern unter 25 Jahren.

Für die Berechnung des Arbeitslosengeldes II einer Bedarfsgemeinschaft wird das Einkommen und Vermögen dieser Gemeinschaft berücksichtigt.

5b) Haushaltsgemeinschaft

Hierzu gehören Verwandte und Verschwägerte (z.B. Eltern, Stiefeltern, Geschwister, Onkel, Tanten), Pflegekinder und Pflegeeltern, die im selben Haushalt leben. Es wird eine Unterstützung durch diese Personen vermutet.

5c) Wohngemeinschaft

Die reine Wohngemeinschaft (z.B. bei Studierenden) ist weder eine Bedarfsgemeinschaft noch eine Haushaltsgemeinschaft. Das heißt: Im Antrag auf Arbeitslosengeld II müssen keine Angaben über die persönlichen Verhältnisse der Mitbewohner gemacht werden.
Mit anderen Worten:
Wenn sich zum Beispiel zwei befreundete anerkannte Asylbewerber zusammenschließen und eine Wohnung mieten wollen, dann wird eine Größe von zweimal 45 qm (= bis 90 qm) und eine Miete von zweimal 345 Euro (= bis 700 Euro) etc. als angemessen erachtet.


6.) Kindergeld

Zuständig ist entweder die Agentur für Arbeit
oder
Familienkasse Baden-Württemberg West – Standort Karlsruhe
Krigesstr. 100
76133 Karlsruhe
Tel. 0800 4 5555 30

6a) Kindergeldhöhe 2017

1. und 2. Kind 192 Euro
3. Kind 190 Euro
4. Kind und mehr 233 Euro

Das Kindergeld wird auf das vom Jobcenter bezahlte Geld (SGBII) angerechnet. Da die Bearbeitung des Kindergeldantrags drei bis vier Monate dauern kann, ist es wichtig, gleich bei der Antragstellung eine Abtretungserklärung für das Jobcenter zu unterschreiben, weil das zunächst vom Jobcneter in Vorlage gezahlte Kindergeld nach Bewilligung des Kindergeldantrags zurückgezahlt werden muss. Beim Ausfüllen der Anträge können die Flüchtlingssozialarbeiter, der AK Asyl oder andere Ehrenamtliche helfen.


7.) Elterngeld

Zuständig ist die
L-Bank, Familienförderung
76113 Karlsruhe
Tel. 0800 6645 471

Das Elterngeld wird beim Jobcenter voll angerechnet. Bitte auch in diesem Fall eine Abtretungserklärung (wie unter 6a beschrieben) unterschreiben.


8.) Einkommensanrechnung

Grundsätzlich sind als Einkommen alle Einnahmen in Geld zu berücksichtigen (zum Beispiel auch Eltern- und Kindergeld). Das heißt: Sie werden vom Bedarf abgezogen. (Es gibt Ausnahmen – bitte im Einzelfall im Jobcenter nachfragen.)
Aber es gibt Freibeträge.

Beispiel:
Jemand verdient brutto/netto 400 Euro
Folgende Freibeträge werden hiervon abgezogen:
- Grundfreibetrag 100 Euro
bleiben also noch 300 Euro als Berechnungsgrundlage.
- Von diesen 300 Euro werden nochmals 20 Prozent Freibetrag (=60 Euro) abgezogen.
Bleiben als „zu berücksichtigendes Einkommen“ 240 Euro übrig.
Bedeutet: 400 Euro minus 240 Euro = 160 Euro.
Diese 160 Euro behält der Beschäftigte bei einem Einkommen von 400 Euro also auf jeden Fall für sich.

Das heißt: Wer arbeitet, hat immer mehr Geld zu Verfügung!


9.) Gebühren für Kindergarten und Kitas

Zuständig ist
Stadt Baden-Baden, Fachbereich Bildung und Soziales
Wirtschaftliche Jugendhilfe
Gewerbepark Cité 1
76532 Baden-Baden
Tel. 07221 931400
Mail: sozialpaedagogische.beratungsdienste@baden-baden.de

Hotline Infodienst KITA (wichtig für die Vormerkung)
Tel. 07221 - 93 14 959


10.) Mitwirkungspflichten

Wer beim Jobcenter SGBII-Leistungen beantragen will, ist „mitwirkungspflichtig“.
Das bedeutet: Alle Angaben im Antrag und in den erforderlichen Anlagen müssen richtig und vollständig sein.
Änderungen, die nach Antragstellung eintreten (z.B. neue Arbeit, neue Wohnung) müssen dem Jobcenter unverzüglich mitgeteilt werden.
Diese Pflichten gelten für alle Mitglieder einer Bedarfsgemeinschaft.

In diesem Zusammenhang der Hinweis: Wenn jemand die Bescheide des Jobcenters nicht versteht, kann er sich diese gerne erklären lassen. Dazu machen Sie einen Termin in der Leistungsabteilung des Jobcenters aus (z.B. direkt an der Kundentheke in der Eingangszone), und bitten darum, dass die Dolmetscherin (französisch/arabisch) bei dem Gespräch anwesend ist. Das wird ohne Probleme ermöglicht.

Ludwig Herfs vom AK Asyl ist ebenfalls in der Lage und gerne bereit, die Bescheide zu erklären und zu kontrollieren; er kann auch - bei Ausstellung einer Vollmacht - mit der Leitung der Leistungsabteilung Rücksprache halten.






Montag, 26. Juni 2017

Zuckerfest 2017


Fröhliches Fastenbrechen am Waldseeplatz
Vier Wochen haben die Muslime gerade weltweit den Ramadan begangen, in dem sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang streng gefastet haben. Eine lange Zeit der Entbehrungen, vor allem bei den derzeit auch in Baden-Baden herrschenden hochsommerlichen Temperaturen.
Aber nun ist es geschafft, und die Freude ist groß. In ihrer Heimat wird am Ende des Ramadans das "Zuckerfest" gefeiert, welches ein großes, freudiges Familienfest ist, dessen Brauchtum in gewisser Weise unserem Weihnachtsfest ähnelt, und so überlegten sich in der Flüchtlingsunterkunft am Waldseeplatz die Bewohner, dieses Zuckerfest gemeinsam zu feiern. Wichtigster Bestandteil ist ja das gemeinsame Essen und Trinken, jede Menge Süßigkeiten sind Hauptbestandteil der fröhlichen Mahlzeit.
Da es eine spontane Überlegung war, wurde alles regelrecht aus dem Ärmel geschüttelt. Nachdem auch die Stadtverwaltung ihr Okay gegeben hatte, zog eine kleine Gruppe von Initiatoren einen Tag zuvor (beziehungsweise die halbe Nacht) durch die verschiedenen Gebäude der Unterkunft und informierte die Bewohner, die sofort begeistert mitmachten.


Am Sonntag liefen in den Küchen die Herde heiß, es wurde gekocht, Tische und Stühle wurden nach draußen getragen, um dann – endlich wieder – gemeinsam bei üppigen Büffet zu essen, zu trinken  und zu feiern. Auch etliche ehrenamtliche Flüchtlingshelfer waren zur Stelle, um die Aktion zu unterstützen, aber im Mittelpunkt stand diesmal wirklich die gemeinsame Freude, die sich länder- und kontinentübergreifend breitmachte. Ein friedlicher, bunter Nachmittag mit Speis und Trank, Musik und Tanz. 

Und hier wurde noch ein Foto nachgereicht mit den Köchen und Initiatoren. Gut gemacht!





 

Mittwoch, 21. Juni 2017

Ehrenamtsfest 2017


Die Stadt sagte Danke
Gelungenes Ehrenamtsfest im Theater Baden-Baden 

Es war ein gelungenes, stimmungsvolles Fest, das die Stadtverwaltung unter Federführung der Integrationsbeauftragten Svetlana Bojcetic für die in der Flüchtlingshilfe ehrenamtlich Engagierten gestern im Theater Baden-Baden ausrichtete. Bedingt durch den frühen Beginn konnten zwar nicht alle Freiwilligen von Anfang dabei sein, und auch Oberbürgermeisterin Margret Mergen stand sichtlich unter Zeitdruck und verließ die Feierstunde vorzeitig, nichtsdestotrotz genossen es die Flüchtlingshelfer, einmal selbst im Mittelpunkt zu stehen, die Hände in der Schoß legen zu dürfen und sich um nichts kümmern zu müssen.




OB Mergen zeigte sich in ihrer Begrüßung sehr beeindruckt von dem, wie in Baden-Baden in den letzten Jahren die große Herausforderung der Integration der Flüchtlinge gemeistert wurde – sowohl von den Ehrenamtlichen als auch vom Hauptamt. Man habe es diesmal besser machen wollen als in den früheren Jahren betonte sie, und als sichtbares Zeichen, dass sich die Zeiten tatsächlich geändert haben, überreichte sie den fossilen Urgesteinen des Arbeitskreises Asyl, den Gründungsmitgliedern Sibylle Loeben und Christian Kühnel, eine Dankesurkunde der Stadt für ihr jahrzehntelanges Engagement in der Verfahrensberatung der Flüchtlinge aus aller Herren Länder.




Christian Kühnel, der die Ehrung auch für seine Frau Sibylle Loeben entgegennahm, nutzte die Gelegenheit, die schwierigen Anfangsjahre des AK Asyl Baden-Baden Revue passieren zu lassen, die sogar darin gipfelten, dass die Stadt dem AK Asyl eine Klage androhte. Umso mehr freute er sich über den Sinneswandel in der heutigen Zeit. Hier finden Sie den Wortlaut seiner Rede => KLICK
 



Langanhaltenden Applaus erhielt der Festredner, Dr. Jörg Sieger, der Projektreferent des Caritasprojekts „Nah am Menschen von ganz weit weg“, der von der Bedeutung ehrenamtlichen Engagements auf dem Weg zu gelungener Integration - oder Wie Ehrenamtliche manchmal sogar Krankheit, Geister und Dämonen überwinden“ sprach. Auf Bitten vieler begeisterter Ehrenamtlicher habe ich den Text online gestellt. Sie können ihn hier nachlesen => KLICK
 



Musikalisch wurde die Feier umrahmt von Mitgliedern der Philharmonie Baden-Baden und der absolut mitreißenden Gruppe persischer Musiker vom Waldseeplatz! Hoffentlich hören wir diese begnadeten Musiker noch recht oft in unserer Stadt! 






 




Rede Dr. Jörg Sieger


Krankheit, Geister und Dämonen überwinden


Rede Dr. Jörg Sieger beim Ehrenamtsfest in Baden-Baden

Beim Ehrenamtsfest der Stadtverwaltung Baden-Baden hielt Dr. Jörg Sieger, Projektreferent des Caritas-Projekts „Nah am Menschen von ganz weit weg“ diesen vielbeachteten Vortrag, den ich auf Wunsch vieler Teilnehmer und mit Genehmigung des Referenten hier ins Netz stelle:





Von der Bedeutung ehrenamtlichen Engagements auf dem Weg zu gelungener Integration – oder: Wie Ehrenamtliche manchmal sogar Krankheit, Geister und Dämonen überwinden“

Ich frage mich immer wieder, wenn ich mir vor Augen halte, wie Menschen in anderen Regionen dieser Erde leben müssen, womit ich das verdient habe, dass es mir hier so gut geht!“
Diesen Satz sagte eine Mutter vor einigen Monaten bei einem Elternabend in einer Realschule.
Darauf antwortete ihr postwendend eine andere:
Ich kann Ihnen sagen, womit ich das verdient habe! Weil ich hier geboren bin. Das ist mein Land! Andere sollen sich um ihre Länder kümmern, das geht mich nichts an!“

Sehr geehrte Damen und Herren,
das war das erste Mal, dass ich nahezu sprachlos war, seit ich in meiner jetzigen Tätigkeit unterwegs bin.
Und zum Glück ist mir so eine Begebenheit bisher nur einmal untergekommen.
Was wir ansonsten seit 2014 in Deutschland erleben durften, ist eine Welle der Gastfreundschaft und vor allem der Hilfsbereitschaft.

1. - Motivation – wieso engagieren sich Menschen in der Flüchtlingsarbeit

Überall entstanden Helferkreise, boten Menschen ihre Hilfe an – Menschen wie Sie, die Sie hier sitzen - , überall wurde Geld in die Hand genommen, um Unterstützungsstrukturen zu schaffen – natürlich von Seiten der staatlichen Stellen, aber nicht minder von vielen freien Trägern, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden und, und, und.

Ich glaube, noch nie hat unser Land eine solche Welle der Hilfsbereitschaft gesehen, wie das in den jetzt zurückliegenden Jahren der Fall gewesen ist.

Und ich habe mich immer wieder gefragt: Warum tun Menschen so etwas?

Es ist ja nicht so, als ob nicht jeder und jede von uns genug eigene Sorgen hätten. Warum dann auch noch für Flüchtlinge engagieren?

Jeder und jede wird ihre ganz eigenen Gründe haben. Aber ich glaube, neben der schlichten Hilfsbereitschaft oder auch christlich motivierter Nächstenliebe spielt für viele Ehrenamtliche häufig eine Rolle, dass das Schicksal jedes einzelnen geflüchteten Menschen unsere Art zu leben plötzlich hinterfragt.

Da kommen dann Fragen wie: „Womit habe ich das verdient, dass es mir um so viel besser geht als so vielen anderen“.
Wie viele unserer Probleme erscheinen plötzlich unendlich klein angesichts der Not, die wir hier miterleben. Und wie gut ist es, in Dankbarkeit etwas von dem, was uns einfach geschenkt wurde, zu teilen, etwas von unserem Glück, hier leben zu dürfen, mit anderen zu teilen.

a. Schwierigkeiten des Begriffs „Helfen“

So hehr dieser Beweggrund letztlich ist, es gilt, die eigene Motivation trotzdem immer wieder aufs Neue sehr wach und auch sehr kritisch zu überprüfen. Das mit dem Helfen-Wollen hat nämlich durchaus auch seine Tücken.

Helfen tut man nämlich in aller Regel einem Schwächeren. Wenn man jemandem hilft, dann ist man irgendwie stärker, man hat etwas zu geben, weiß mehr, und ist dem anderen in aller Regel auch überlegen. Sonst bräuchte der meine Hilfe ja auch nicht. Es geht ja gerade darum, dass ein Schwächerer nach Hilfe sucht.

Für die Not- und Erstversorgung trifft das ja auch durchaus zu.

Gefährlich aber ist es, wenn sich so etwas als Grundhaltung dann ganz tief drinnen festsetzt.

Vor allem, weil wir von der Krankheit des alten kolonialen Denkens noch nicht wirklich genesen sind. Manche Ehrenamtliche erinnern sich ja durchaus noch an den alten Pfarrer aus ihrer Jugendzeit und seine Predigten davon, dass man – entschuldigen Sie den Ausdruck – dem „armen Negerlein“ doch helfen müsse. Da kommen sie dann wieder ganz schnell hoch, die Vorstellungen von der Überlegenheit der Europäer oder das Denken in Entwicklungshilfe, dass es Menschen aus der sogenannten „Dritten Welt“ ohne uns ja gar nicht schaffen können, dass wir ihnen doch erst zeigen müssen, wie alles geht. Und so hört man sie denn auch immer wieder, solche Sätze, dass man das den Flüchtlingen schon noch beibringen werde: das mit der Pünktlichkeit oder mit der richtigen Erziehung der Kinder.

Und dabei wollten wir dem neuen Mitbürger doch eigentlich auf Augenhöhe begegnen!

So wichtig das mit der Notfallhilfe und der Erstversorgung ohne viel zu fragen in der Anfangszeit auch war. Wir müssen gut aufpassen, dass wir geflüchtete Menschen letztlich auch wirklich als Menschen, als Subjekte, wahrnehmen, dass wir sie nicht zu Objekten machen: Objekte unserer gut gemeinten Hilfe.

Nicht ganz von ungefähr hat eine Kollegin jüngst dazu ermahnt, darauf zu achten, aus unseren Gemeinschaftsunterkünften nicht so etwas wie Kitas für Erwachsene zu machen.

b. Von der Hilfe zur wirklichen Begegnung und zum Miteinander

Die Menschen, die in den vergangenen Jahren zu uns gekommen sind, hatten ein Leben vor der Flucht. Sie haben häufig mehr erlebt, als manch einer von uns sich nur erträumen kann, und weit mehr gemeistert, als ich in meinem Leben das je musste.

Sie wissen sehr wohl darum, was sie können und auch, was letztlich wirklich gut für sie ist.

Ihren Fähigkeiten stehen wir aber nicht selten genug recht hilflos gegenüber.
So erinnere ich mich an einen „Tag des Neubürgers“ in einer südbadischen Kommune. Es gab sehr viele Neuzuzüge: Künstler, Intellektuelle, Professoren aus Freiburg. Und man veranstaltete einen Abend mit Sekt und Häppchen, um den Neubürgern die Integration ins Gemeinwesen zu erleichtern. Einer der neu zugezogenen Professoren übernahm damals den Vorsitz der Werbegemeinschaft.
Im Landratsamt Karlsruhe gab es jüngst einen Workshop zur leichteren Eingliederung Geflüchteter ins Gemeinwesen. Da gab es keinen Sekt und auch keine Häppchen für die Neubürger, ja es war nicht einmal ein einziger Geflüchteter anwesend.
Aber es gab viele Vorschläge. Und einer, der am Ende sehr prominent auf dem Flipchart prangte, lautete, man könne ja eine „Gemeindeputzede“ veranstalten.
Ob man in jener südbadischen Kommune überhaupt nur auf die Idee gekommen wäre, die neu zugezogenen Professoren zum Gemeinde-Putzen einzuladen?
Ja, die Flüchtlinge werden sich doch nicht zu schade sein zum Putzen!“, bekam ich zur Antwort, als ich diesen Vorschlag in Karlsruhe zu hinterfragen wagte.

2. Was ist eigentlich Integration

Unsere Gesellschaft tut sich vielfach schwer damit, Neuzugezogenen, die als „Ausländer“ erkennbar sind, auf Augenhöhe zu begegnen, ihnen wirklich die Hand zu reichen. Sie in ihrer Eigenständigkeit ernst zu nehmen und an Entscheidungsprozessen auch noch zu beteiligen, ist immer noch die Seltenheit.
Das wäre ja auch noch schöner, wenn die auch noch Ansprüche stellen würden, am Ende auch noch mitreden wollten!“ Sie kennen solche Äußerungen.

Für viele wäre das Ziel von Integration schon erreicht, wenn die „Neuen“ möglichst unauffällig wären, ihr Anders-Sein einfach nicht auffallen würde.

Nahezu jeder, der hier eingewandert ist, wird Ähnliches gespürt haben. Und viele mühten sich deshalb auch darum, sich möglichst schnell anzupassen.

Eine Ehrenamtliche erzählte mir von ihrem Vater, einem der ersten italienischen Gastarbeiter in Deutschland.
Es war ihm wichtig, zu seinen deutschen Kollegen guten Kontakt zu halten, und er wurde auch mehrmals zu Arbeitskollegen nach Hause eingeladen. Dort fiel ihm auf, dass offenbar alle aus den ersten Italienurlauben ein Plastikmodell einer venezianischen Gondel mitgebracht hatten. Auf den neu in Mode gekommenen „Sideboards“ … stand überall, wo jener italienische Vater hinkam, eine solche Gondel. Kein Italiener wäre damals wohl auf die Idee gekommen, sich solch ein Modell in die Wohnung zu stellen. Für ihn aber war klar, dass dies offenbar zu einem deutschen Wohnzimmer gehört. Und weil der Vater jener Ehrenamtlichen nun ein guter Deutscher werden wollte, schaffte er sich – wie selbstverständlich – eine solche Gondel an und stellte sie prominent platziert ins Wohnzimmer.

a. Probleme mit dem Begriff

Alle reden von Integration, sehr viele aber – und ich behaupte sogar die meisten unserer Politiker – meinen Assimilation, wenn sie Integration sagen. Sie denken an Anpassung. Wer hierherkommt, muss sich uns anpassen, denn wir waren schließlich zuerst da.

Aber woran soll sich der Neubürger denn am Ende anpassen? Was ist denn das, das typisch Deutsche?

In vielen Seminaren habe ich zusammen mit Ehrenamtlichen den Versuch unternommen, zum Beispiel ein typisch deutsches Wohnzimmer zu beschreiben. Und einmal, als sich eine Gruppe in der Beschreibung eines solchen Zimmers recht einig war, stellte ich anschließend die Frage: „Und bei wem von Ihnen sieht das Wohnzimmer jetzt so aus?“ Es war bei keinem einzigen der Fall. Das, was man als „typisch deutsch“ beschrieben hatte, traf auf niemanden wirklich zu. Es waren die Erinnerungen an die Großeltern und deren Wohnungen, die man herangezogen hatte. Oder wie ein Teilnehmer es dann formulierte: „Typisch deutsch ist doch immer von gestern!“

b. Das Gespenst der „Leitkultur“

Vielleicht klingen Versuche, eine deutsche Kultur zu beschreiben, auch deshalb schon immer irgendwie muffig. Und wenn sie im Gewand jenes Gespenstes einer „deutschen Leitkultur“ daherkommen, dann klingen sie darüber hinaus meist auch ziemlich komisch und bei Sätzen wie „Wir sind nicht Burka“ sogar selten dämlich.
Gehen Sie mal in eines unserer Jugendzentren und erklären dort, dass man sich in Deutschland zur Begrüßung die Hand gibt!
Deutschland ist doch viel zu vielfältig, als dass man es mit wenigen Sätzen beschreiben könnte.
Und vermutlich ist das schon immer so gewesen.
Oder will jemand ernsthaft behaupten, dass Schwaben eine Kultur hätten, die der badischen gleicht?
Nein, ohne Witz: Jedes Bundesland beansprucht doch für sich eine eigene Kultushoheit. Und das mit gutem Grund.

Und dort, wo man vordergründig gleiche Kultur voraussetzt, etwa bei den vielen Spätaussiedlern, die in den 90er-Jahren aus Russland zu uns kamen, selbst bei Menschen, die doch offenbar alle der gleichen deutschen Kultur angehörten, kann ich aus meiner Zeit als Pfarrer in Bruchsal mehr als eine Geschichte erzählen, wie oft die Integration dieser Menschen misslungen ist – und das auch deshalb, weil es hier offenbar gewaltige kulturelle Unterschiede gibt.

Deutschland ist vielfältig und ist es schon immer gewesen. Von etwas anderem zu träumen, hieße, einer Provinzialität das Wort zu reden, die vielleicht idyllisch sein mag, aber mit einem Mehr an Lebensqualität absolut nichts zu tun hat.

c. Und was ist mit den Werten?

Aber immerhin haben wir ja noch unsere Werte, und die muss man doch akzeptieren, wenn man hier leben möchte.

Das kann ich unterschreiben, wenn dazugesagt wird, dass Werte wichtig sind, aber nicht wirklich gelebt werden. In aller Regel werden Werte bei uns so hoch gehalten, dass man noch bequem darunter hindurchgehen kann.

Wie war das?
Unsere Gesellschaft basiert auf christlichen Werten?
Wir reichen den Notleidenden die Hand?
Wir schauen nicht einfach zu, wie Menschen auf der Flucht ums Leben kommen?
Und Familie ist ein hohes Gut, das es zu schützen gilt?
Ein syrischer Familienvater, der nur subsidiären Schutz erhalten hatte und deshalb seine Familie nicht nachholen durfte, hat unserem Innenminister letzthin Bilder seiner Frau und seiner Kinder geschickt.
Sie hatten sich, weil sie nicht legal einreisen durften, aufs Boot gewagt.
Sie sind alle im Mittelmeer ertrunken.
Bitte entschuldigen Sie, wenn ich das Gerede von den europäischen Werten längst nicht mehr hören kann.

d. Angst vor Parallelgesellschaften

Nur, brauchen wir nicht dringend eine verbindliche gemeinsame Basis, damit uns am Ende nicht Parallelgesellschaften drohen?

Sicher brauchen wir die – auch wenn ich die große Angst vor Parallelgesellschaften nicht wirklich teile. Die drohen uns schließlich nicht, sie sind doch längst Realität und sie sind bei uns doch eigentlich schon immer Normalität.

Wir sitzen als Gesellschaft doch nicht ständig zusammen. Ich treffe mich vornehmlich mit den Menschen, die mit mir auf einer Wellenlänge sind. Und mit den anderen habe ich doch wirklich kaum etwas zu tun.
Dass sich unsere Gesellschaft in viele unterschiedliche Milieus zergliedert, ist doch altbekannt.
Das Milieu eines Schützenvereins wird mir immer fremd bleiben. Und in der sogenannten Jugendkultur kann ich alter Sack schon lange nicht mehr landen.

Schwierig wird es nur dann, wenn sich die einzelnen Milieus so abschotten, dass es keine Berührungspunkte, dass es keinerlei Überschneidungen mehr gibt.

Wenn ich den Schützenbruder, den Verbindungsstudenten nicht mehr am Arbeitsplatz treffe und als netten Kerl erlebe, dann kommt es zu abgeschotteten Parallelgesellschaften. Und die sind für unsere Gesellschaft immer eine Schwierigkeit – ganz egal, ob unter alten Deutschen, neuen Deutschen oder solchen, die nur als Gäste bei uns leben.

3. Auf dem Weg zur gelungenen Integration

a. Begegnungen ermöglichen

Hier stehen wir letztlich dann vor der eigentlichen Herausforderung, die unsere Gesellschaft zu bewältigen hat. Wer solch abgeschottete Parallelgesellschaften verhindern möchte, der muss Begegnungen ermöglichen, der muss daran arbeiten, dass ich mit Menschen, die normalerweise in einem anderen Milieu verkehren, zusammenkomme, sie erlebe, kennen- und bestenfalls auch schätzen lerne.

b. Integration als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Sie ahnen, dass das sehr viel mit Ehrenamt zu tun hat. Denn so etwas lässt sich nicht machen, und noch viel weniger verordnen. Und die schönsten Projekte helfen da auch nur bedingt. Hier braucht es Menschen, die begreifen, dass jeder und jede in ihrem persönlichen Umfeld gefordert ist.

Und es braucht Menschen, die begreifen, dass das nicht nur die Neuankömmlinge angeht. Sich-füreinander-interessieren ist immer eine wechselseitige Angelegenheit.

Ein neues Mitglied in einem Verein kann sich noch so sehr anstrengen, es wird nie einen Fuß auf den Boden bekommen, wenn die anderen Mitglieder eigentlich kein Interesse an ihm zeigen.
Es geht nie nur darum, ob sich jemand integrieren möchte. Mindestens genauso wichtig ist, dass die Mehrheitsgesellschaft wirklich auf ihn zugeht, dass jemand von der Gesellschaft auch integriert wird!

4. Steine ausräumen

a. Wir müssen an Haltungen arbeiten

Ich erzähle Ihnen da nichts Neues. Sie haben sich in der Vergangenheit ja genau darum gemüht. Und die Vereinigungen der schon seit längerem in Deutschland lebenden Migrantinnen und Migranten haben nicht minder auf diesem Gebiet Großartiges geleistet.

Es braucht aber noch mehr.
Wir müssen mithelfen, dass unsere Gesellschaft an ihren Haltungen arbeitet.

Wenn eine Frau, die seit Jahren hier lebt, auch nach allen Anstrengungen, die sie unternommen hat, in den Augen der „alten Deutschen“ immer noch die „Türkin“ bleibt, wenn ein Mensch auch nach Jahren immer noch „der Flüchtling“ ist, oder die „Hergloffene“, die auch nach Jahrzehnten noch nichts zu melden hat, weil unsere Großeltern damals nicht gemeinsam im Sandkasten gespielt haben, dann zwinge ich andere in eine parallele Gesellschaft hinein, weil das eigene Milieu nicht mehr offen, sondern abgeriegelt ist und für den anderen keinen Platz mehr lässt.

Wenn ich selbst nach Jahren noch immer zum „Italiener“ gehe, ohne zu registrieren, dass dieser Mensch einen Namen hat, dann verhindere auch ich dadurch, dass dieser Mensch in unserer Gesellschaft wirklich ankommen kann.

b. Wir müssen Dämonen austreiben

Helfen Sie weiter mit, denn das braucht langen Atem.
Und auf dem Weg lauert nicht nur die Krankheit des alten kolonialen Denkens, die uns Überlegenheit vorgaukelt, es lauern nicht nur die Gespenster von Leitkulturen und „unseren Werten“, es warten auch Dämonen!

Der katholische Theologe Fridolin Stier hat bei der Übersetzung des Neuen Testamentes den Versuch gemacht, das Wort „Dämon“ adäquat ins Deutsche zu übertragen.

Er hat dafür den Begriff „Abergeist“ gefunden.

Ich finde das unheimlich schön. Denn seit ich dieses Wort kenne, entdecke ich immer wieder solche Dämonen.

Sie kennen diese Abergeister auch.

Da macht man die besten Vorschläge, und sich einem „Ja, aber“ nach dem anderen gegenüber.
Bei Kommunen ist es meistens das Geld. Da heißt es dann: „Wir wissen, dass Integration wichtig ist, aber für diese Maßnahme haben wir jetzt wirklich kein Geld.“ Das ist der Abergeist, der Dämon, der Kurzsichtigkeit heißt.

Ich denke da zum Beispiel an einen Kindergarten, mit dem ich zu tun hatte. Wir hatten da zeitweise einen Ausländeranteil von 85 Prozent. Ideen gibt es da genug. Da müsste man jetzt einfach Geld in die Hand nehmen, und zwar viel Geld. Da braucht es mehr als nur ein paar Stunden Sprachförderung. Ja, aber der Haushaltsplan, aber der Kostenrahmen und der Stellenschlüssel...
Kurzsichtigkeit!
Jeder Cent, der jetzt in die Qualifikation und Ausbildung von Kindern gesteckt wird, der rechnet sich in der Zukunft.

Wehren wir solchen Abergeistern der Kurzsichtigkeit.

Und jenen Dämonen, die sich hinter Sätzen verbergen wie:
Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber...“
Das sind nämlich jene ganz besonderen Abergeister, jene, die uns weismachen möchten, dass durch die Fremden alles anders würde und dass Veränderung eine Bedrohung sei.

c. Wir müssen Veränderung als Chance begreifen

Vertreiben Sie diese Dämonen dort, wo Sie leben, in Ihrem Bekanntenkreis und bei Ihren Freunden.

Denn Veränderung ist immer eine Chance.

Nicht ist schlimmer als eine Gesellschaft, die auf der Stelle tritt und in der nur gilt, was seit jeher war.

Mit jedem Kind, das in unsere Gesellschaft geboren wird, verändern wir uns doch. Mit jeder neuen Generation verändert sich Gesellschaft. Und sie verändert sich mit jedem Menschen, der sich neu hier niederlässt.

Und das ist gut so.

Denn jeder und jede bringen unendlich viele Begabungen mit ein.

Und wenn wir jedem, ganz egal, wo er herkommt, ganz egal, in welcher Familie er geboren ist, ganz egal, wie er aussieht und welche Religion er hat, wenn wir jeder alle Türen in unserer Gesellschaft öffnen, den seit Menschengedenken hier Lebenden und den neu Zugezogenen die volle Teilhabe ermöglichen, dann haben wir am Ende alle gewonnen.

Das wird ein langer Weg. Dazu braucht es langen Atem.

Das kann bei vielen Einwanderern mal gut und gerne zwei, drei Generationen brauchen.
Das muss uns aber nicht entmutigen. Ganz im Gegenteil. Das nimmt uns den Druck, morgen oder übermorgen schon Ergebnisse liefern zu sollen.
Wir müssen nur dranbleiben.
Wir müssen nur alle Vorstellungen überwinden, die uns wie Krankheiten fesseln.
Wir dürfen uns von Scheindiskussionen, die immer wieder herumgeistern, nicht in die Irre führen lassen.
Und von den Abergeistern derer, die vor der Zukunft Angst haben, vor denen dürfen wir uns nicht lähmen lassen.

Dann schaffen wir das!

Copyright: Dr. Jörg Sieger



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