Sonntag, 8. November 2015

Ilka Meyer - small talk


Sie würden sich gern in der Flüchtlingshilfe engagieren, wissen aber nicht so recht, wie und wo? Heute haben wir Ilka Meyer aus Baden-Baden gebeten, ihre Erlebnisse und Erfahrungen als "Small-Talk-Begleiterin" (und was daraus erwachsen KANN, aber nicht muss) für uns aufzuschreiben, um Ihnen Lust und Mut zu machen, ganz unkompliziert mit Ihrer ganz individuellen Flüchtlingshilfe zu starten. Wie man an diesem Beispiel sieht, kann alles ganz klein beginnen. Es kann auch klein bleiben, kein Flüchtling erwartet mehr. Allerdings  entwickelt sich oftmals sehr schnell eine herzliche Beziehung daraus.
Aber lesen Sie selbst:
 

Ich gebe nur etwas Zeit –
und bekomme so viel zurück“


Also, kennengelernt habe ich meinen "Schützling" im Rahmen des Projektes "Small Talk" der Aktiv-Brücke, im April 2015. Als sie damals in den Raum kam, wußte ich - sie ist es. Sie wirkte äußerlich so groß und stark, aber ihre Augen zeigten absolute Schüchternheit. Und Unsicherheit. Über Umwege haben wir uns das erste Mal verabredet, für einen Bummel durch Baden-Baden.




Das ist jetzt sieben Monate her, und wir sehen uns mindestens einmal die Woche. Ich fahre jede Woche mit ihr einkaufen, zu Aldi. Wer will schon 9 Liter Wasser, Mehl, Zucker, Öl und alles andere 4 km weit tragen? Ich nicht. Das ist meine "Unterstützung". Oder wir gehen shoppen, klettern auf dem Merkur rum usw. Die Verständigung? Grins... Am Anfang sprichwörtlich mit Händen und Füßen! Sie spricht kein Englisch, sondern nur Tigrinya (sie ist aus Eritrea) und zu Anfang nur einzelne Brocken auf Deutsch. Aber das war auch mein Ziel - Deutsch vermitteln, und wo lernt man es besser als in Alltagssituationen, wenn einem gar nichts anderes übrig bleibt? 

Natürlich besucht sie die Deutschkurse, aber wie soll man gelerntes üben, wenn niemand da ist, mit dem man deutsch sprechen kann? Logisch bleiben durch die Sprachbarriere witzige Situationen nicht aus, z.B. Beim Shoppen, wenn sie Blazer sucht und mich verwundert anschaut, wo ich sie hinführe - weil sie eigentlich Blusen meint. Mittlerweile klappt die Verständigung echt gut, ich bin stolz auf sie, welche Fortschritte sie in Deutsch gemacht hat! Wenn sie früher mal ein Treffen absagen musste, hat eine andere Bewohnerin mich angerufen. Mittlerweile können wir telefonieren oder schreiben uns Textnachrichten (die wir dann beim nächsten Treffen zusammen Korrektur lesen und ich ihr zeige, wie es richtig geschrieben wird). Und das für jemanden, der vorher nie eine andere Sprache gelernt hat und vor allem unsere Buchstaben noch nie gesehen hat! Es geht zwar langsam, aber stetig vorwärts. Und wenn ich durch unsere Treffen ein bißchen dazu beitragen kann - wunderbar!

Wir verstehen uns supergut, auch wenn ich fast doppelt so alt bin wie sie! Wir haben Spaß, wenn wir unterwegs sind oder wenn wir zusammen Tee trinken. Ich freue mich, dass sie von Anfang Vertrauen zu mir gefasst hat. Ich weiß nicht, was sie alles auf ihrer Flucht erlebt hat, will es auch gar nicht wissen. Es gab mal eine Situation, da hat sie angefangen, grob davon zu erzählen.. Dieses bisschen - ohne irgendwelche Details - hat mir gereicht, fast in Tränen auszubrechen und zu ihr zu sagen "ich bin so froh, dass du hier bist und dass es Dir gut geht". Ihr Selbstbewusstsein hat in den letzten Monaten auch zugelegt - sie ist alleine (!) zum Kickboxen-Training gegangen und gesagt, sie will mitmachen. Seit zwei Monaten trainiert sie jetzt .. Ich finde das sensationell !!

Als Patin würde ich mich nicht bezeichnen. Ich mach doch nichts Besonderes. Ich hab sie sehr in mein Herz geschlossen! Daher schenke ich ihr gerne ein paar Stunden pro Woche und betrachte das nicht als ehrenamtliche Arbeit. Wenn ich in der Westlichen Industriestraße bin, werde ich herzlich begrüßt, auch von anderen Bewohnerinnen. 

Überhaupt spüre ich dort viel Herzlichkeit und vor allen Dingen eine große Gastfreundschaft. Ich darf nicht gehen, ohne einen Kaffee, einen extremste leckeren schwarzen Tee (gewürzt mit Kardamom und Nelken) oder wenigstens ein Wasser getrunken zu haben. Bleibe ich nicht zum Essen (und eritreisches Essen ist sowas von lecker!!), sehe ich ein enttäuschtes Gesicht.

Ich gebe nur etwas von meiner Zeit - und bekomme viel zurück.
Übrigens... Ich starte in Kürze mein Deutsch-Projekt in der Industriestraße "German Training - for ladies only". Ein Samstags-Vormittagskurs nur für Mädels, kein reiner Unterricht, sondern ein Training von echten Lebens- und Alltagssituationen. So als Ergänzung zu den Deutschkursen, aber nur unter Frauen (damit die Hemmschwelle beim Sprechen geringer ist) Ich hoffe, ich kann in ein, spätestens zwei Wochen starten. Mal schauen, ob und wie das angenommen wird. Ich hoffe, ich bekomme die Mädels zum Reden.
Du siehst - mir liegt die Sprache sehr am Herzen. Das war ja von Anfang an mein Ziel...

*

So weit Ilka Meyers Geschichte. Anstoß für diesen "Erfahrungsbericht einer, die sich nicht als Ehrenamtliche bezeichnet, sondern nur ein paar Stunden ihrer Zeit verschenkt", war ihr Beitrag auf Facebook, in dem die 43jährige Außenhandelskauffrau aus Baden-Baden sehr emotional und persönlich auf folgenden verbreiteten Bericht der "Zeit" reagierte: 

=>  KLICK



Ilka Meyer schrieb ganz spontan dazu:
Und genau deswegen werde ich JEDEN, der in Deutschland ankommt, der seinen langen, meist grausamen Weg bis hierher geschafft hat, mit offenen Armen und offenem Herz Willkommen heißen. Egal woher er kommt. Und wenn ich es mit meiner kleinen bescheidenen Hilfe schaffe, auf das Gesicht unserer Flüchtlinge ein Lächeln zu zaubern, dann ist das für mich jedesmal ein großes Geschenk. Ich bin dankbar, dass ich durch Rita dazu gekommen bin, diesen Menschen etwas Unterstützung zu geben, und ich bekomme soviel zurück! Das wichtigste: sie erden mich, lassen mich dankbar sein für das, was ich als selbstverständlich ansehe - ich wurde in einem Land geboren, in dem Frieden herrscht. Ich habe ein Dach über dem Kopf, einen guten Job und genug zu essen. Krieg und Flucht kannte ich nur aus den Erzählungen von meinen Eltern. Jetzt erleben wir das alle hautnah. Für mich ist es selbstverständlich zu helfen. Für andere nicht, das verlange ich auch nicht von meinen Mitmenschen. Aber ich verlange, dass derjenige, der nicht hilft und unterstützt, die Flüchtlinge einfach in Ruhe lässt, sie nicht angreift, keine Hetze betreibt. Es sind Menschen - und jeder Mensch verdient Respekt.
Gestern Abend durfte ich in der Flüchtlingsunterkunft ein neues Leben bestaunen - ein zuckersüßes, nur wenige Tage "altes" quietschvergnügtes afrikanisches Mädchen. Ich wünsche der Kleinen das, was ihren Eltern nicht vergönnt war - ein Leben in Frieden. Willkommen auf Erden!


Bitte informieren Sie sich auf den verschiedenen Seiten in diesem Blog, welche Möglichkeiten es eventuell für Sie gibt, sich in der Flüchtlingshilfe einzubringen. Setzen Sie sich mit den bei den einzelnen Projekten genannten Ansprechpartnern in Verbindung - oder sprechen Sie einfach einen Flüchtling an und fragen Sie ihn, ob Sie ihm helfen können...