Sonntag, 1. November 2015

Nachbarschaftshilfe Höllhäuser Weg

Vorbildliche Nachbarschaftshilfe im Höllhäuser Weg:
Nach anfänglicher Skepsis
machen alle mit


Ein später Sonntagnachmittag im Höllhäuser Weg Ende Oktober. Feuchte, herbstliche Frühdämmerung kriecht heran. In den höchst unterschiedlich gebauten Häusern werden erste Lichter angeknipst. Ein Mann in Steppjacke geht mit seinem Hund vorbei und beobachtet ein bisschen misstrauisch, wie ein fremdes Auto hier in dieser ruhigen Straße einen Parkplatz sucht. Offenbar kennt hier jeder jeden. Oder auch nicht...



Denn da gibt es ja dieses kleine, alte Haus, in dem schon lange niemand mehr wohnen mochte.  

An der Türklingel stehen sonderbare Namen: Musa, Abdoulie, Modou, Habibu, Mustapha, Lamin...



Die Fremden.

Asylbewerber aus Gambia ... und dann gleich so viele, zehn oder elf. Sie kamen unangemeldet, einfach so, eines Tages waren sie da. Anfangs war das eine schwierige Situation.

Was machen die hier?, fragten sich manche Anwohner der stillen Straße vor vier Monaten ratlos, als sich das bis dahin leerstehende Haus Nummer 41 ohne Vorwarnung mit fremdem Leben füllte. Die Nachbarn fühlten sich vor den Kopf gestoßen.

Wir wusste ja nicht, ob da alles mit rechten Dingen zuging, als die da plötzlich mit prallen Tüten hin- und herliefen und ein- und ausgingen“, erinnert sich eine der Nachbarinnen. Unmut macht sich breit. Auch heute, Monate später, bleiben die Anwohner dabei: „Die Stadt hätte uns wirklich informieren können“, sagen sie und schütteln den Kopf. Denn dann wäre es mit der beispielhaften Nachbarschaftshilfe, die heute hier vorherrscht, vielleicht etwas schneller gegangen.

Komm rein, willkommen“, begrüßt mich einer der Anwohner, der mir die Tür öffnet. Ein Spielenachmittag unter Nachbarn steht an diesem Sonntag eigentlich auf dem Programm, aber dann wird am großen Tisch im Wohnzimmer doch mehr geredet als gekartelt oder gescrabbelt.

Überhaupt, das Wohnzimmer. Die Nachbarn tun, was sie können, um es den Neunankömmlingen gemütlich zu machen: Die einen spendeten Bilder, die anderen eine gut erhaltene Polstergruppe. Nur der geschenkte Röhrenfernseher funktioniert leider noch nicht, stellt jemand fest. Kein Problem für die rührige Nachbarschaft. Ein prüfender Blick, ein Telefonanruf, und eine halbe Stunde später taucht jemand  mit dem passenden Verbindungskabel auf. Problem gelöst. So einfach kann das gehen. Unaufgeregt und nebenbei läuft das übrigens, ganz selbstverständlich.



Neugierig gleitet der Blick weiter durchs Wohnzimmer und bleibt schließlich am Staubsauger hängen. Unübersehbar steht er da, als würde er gut und gerne benutzt. Und in der Tat: Kein unnötiges Krümelchen ist auf dem Boden zu finden. Wurde da heute vielleicht extra für die deutschen Besucher aufgeräumt?

Einer der Bewohner schüttelt lachend den Kopf. Bereitwillig führt er mich durchs ganze Haus, zeigt mir stolz und überglücklich jedes Zimmer. Zuerst habe ich etwas Scheu, in die Privatsphäre der jungen Männer einzudringen, aber es macht ihnen nichts aus, im Gegenteil. Sie seien so froh, in diesem Haus zu wohnen, sagen sie mir später. Deshalb zeigen sie es auch gerne her und vielleicht halten sie es auch deshalb so in Schuss. Es ist wirklich nicht zu glauben, anfängliche Zweifel und Vorurteile (ist eine reine MännerWG nicht zwangsläufig schmuddelig und chaotisch?) lösen sich schnell in Luft auf.

Keller: Waschküche aufgeräumt, überall hängt die frisch gewaschene Wäsche der vielen männlichen Bewohner an der Leine und an Wäscheständern, drinnen und draußen unter dem Balkon.
Badezimmer: blitzeblank. Nichts liegt herum.
Küche: Piccobello sauber. Und das, obwohl hier ganz offensichtlich gern gekocht wird. Während einige der Bewohner lieber ganz für sich alleine brutzeln, haben sich andere zu einer Kochgruppe zusammengetan, in der abwechselnd füreinander eingekauft und gekocht wird. Eines haben sich aber alle Bewohner des Hauses zum Prinzip gemacht: „Wer fertig ist, verlässt die Küche absolut sauber.“ Stimmt! Es funktioniert.


 

Allerdings fehlen Abstellflächen und Stauraum. Hängeschränke zum Beispiel würden richtig gut tun! Wenn da jemand helfen könnte und möchte: Kontakt und Mail-Adresse finden Sie am Ende dieses Berichts. (Bitte nichts unangemeldet vorbeibringen!)

Während des Rundgangs ist man im Wohnzimmer bei Kaffee und Knabbereien schon miteinander warm geworden, ist die anfängliche  Zurückhaltung der beiden Nachbarn, die heute zum ersten Mal auf Besuch in der Wohngemeinschaft sind, dahingeschmolzen. Das ältere  Ehepaar, das ebenfalls im Höllhäuser Weg wohnt, hatte bislang noch keinen persönlichen Kontakt zu den freundlichen Asylbewerbern, die jeden Tag an ihrem Haus vorbeilaufen. Es ist noch keine halbe Stunde seit der Begrüßung vergangen, und schon reden alle fröhlich durcheinander, oft auf Englisch. Die Verständigung auf Deutsch klappt ebenfalls bei manchen hervorragend, denn die jungen Gambier sind zum Teil bereits seit rund eineinhalb Jahren in Baden-Baden. Dass einige darüber hinaus die Louis-Lepoix-Schule besuchen, in der man sich sehr um Sprachkompetenz kümmert, tut sein übrigens dazu. Sie haben vorher im Briegelacker gewohnt und fühlen sich in ihrem kleinen Häuschen ganz offensichtlich pudelwohl.


 

Mittlerweile ist ihr Zuhause auch ein kleiner Treffpunkt für Freunde geworden, Landsleute aus Briegelacker und Industriestraße, die die Glücklichen beneiden und am liebsten auch hier einziehen würden. Zumindest aber würden sie gern unter die Fittiche der Höllhäuser- Betreuungsgruppe schlüpfen, denn die funktioniert vorbildlich.

Das haben sie sich übrigens selbst zu verdanken. Christiane Krause-Dimmock erinnert sich noch genau, wie alles begann: „Die blieben immer stehen und grüßten uns“, sagt sie lachend. „Ganz anders als wir Deutschen.“ Und ein bisschen gewöhnungsbedürftig war das schon am Anfang.

Mustafa war schließlich der Erste, zu dem sie Kontakt bekam. Zögerlich zunächst. Zuerst habe sie nicht einschätzen können, was er von ihr wollte. „Ich stand im Hof und habe Holz geschichtet, und er kam dazu und fragte nach Arbeit.“ Erst zögerte sie, dann ließ sie sich helfen. Am nächsten Tag stand er wieder da und fragte nach Arbeit, auch als kein Holz mehr da war. „Bis ich kapierte, dass er richtige Arbeit meinte.“

Der Rest ist Fügung: Auf die Frage, was er denn früher gemacht habe, erfuhr sie, dass der junge Mann in der Heimat als Metzger gearbeitet hatte. Ruckzuck war alles in trockenen Tüchern: „Ich habe in einem Metzgereibetrieb angerufen, er hat sich vorgestellt und konnte sofort anfangen.“ Inzwischen hat Mustafa, der Moslem, sogar in dem Betrieb eine Ausbildungsstelle bekommen.“

Metzgerhandwerk in Deutschland - da fallen einem doch gleich Schweinshaxen und Leberkäse ein. Wie lässt sich das mit seinem Glauben vereinbaren? „Er hat kein Problem, Schweinefleisch zu verarbeiten, solange er es nicht essen muss“, lautet die einfache Erklärung.

Mittlerweile führt das übrigens auch zu Augenblicken voller Situationskomik. Natürlich hat Christiane Krause-Dimmock nun der Ehrgeiz gepackt, und sie will ihren Schützling gut durch die Lehrzeit bringen. Damit er mit seinen noch spärlichen Deutschkenntnissen in der Berufsschule mitkommt, muss daher unermüdlich mit ihm gepaukt werden, Hausaufgaben, Mathe und Deutsch, fünf, sechs Abende in der Woche. „Und so bringe ich jetzt also einem Moslem ziemlich ungewohnte Vokabeln bei und erkläre, was Leberwurst ist oder Fleischwurst in Naturdarm.“

Allerdings übernimmt sie die Nachhilfe nur in Notfällen, sie ist eher für die Jobvermittlung zuständig. Inzwischen ist die Journalistin für die Gambier die „Mama Christine“. Sie kommen zu ihr, wenn es Probleme gibt, wenn Briefe übersetzt werden müssen, wenn auch Freunde Arbeit suchen, oder wenn einer zum Arzt muss, das aber nicht bezahlen kann, wenn einer nach Karlsruhe in die Berufsschule fahren muss, sich aber das Ticket nicht leisten kann, wenn Unterschriften und Stempel fehlen, wenn Formulare aufgetrieben werden müssen. Und sie hat mittlerweile auch weiteren Hausbewohnern - und deren Freunden - Praktika und Jobs verschafft. Zwei von ihnen haben dank ihrer Hilfe kürzlich sogar  Lehrverträge im Bäckerhandwerk erhalten. Das freut die energische Frau natürlich am meisten.

Die hängen an mir, weil sie wissen, dass ich ihnen helfe“, weiß die Journalistin. Dass sie es gerne tut, merkt man. „Wichtig ist, dass die hier nicht rumhängen. Die wollen ja alle arbeiten.“ 


 

Integration ist für sie nun also kein Fremdwort mehr. „Ich hatte Flüchtlingshilfe eigentlich nicht diesem Maße vor, aber nun ist es eben so“, sagt sie pragmatisch. Als nächstes will sie den „Jungs“, wie sie sie nennt, unbedingt deutsches Brauchtum zur Weihnachtszeit nahebringen. Deko-Sachen werden sich bestimmt finden lassen, aber auch mit Leib und Seele sollen die jungen Gambier etwas von der Adventsstimmung zu spüren bekommen. Was könnte dafür besser geeignet sein als gemeinsames Plätzchenbacken. Das geht natürlich in der kleinen Küche des Häuschens nicht, aber bestimmt findet sich eine größere Räumlichkeit, da ist sie zuversichtlich. Allerdings würde sie sich noch ein paar Mitstreiter auf deutscher Seite wünschen, tatkräftige Zuckerbäckerinnen mit Know-how, die auch bereit wären, ein paar Zutaten zu spendieren. (Wer Lust dazu hat, kann ihr gerne eine Mail schicken, Adresse unten)

Mit ihrem Elan hat Christiane Krause-Dimmock auch andere Nachbarn angesteckt. Susanne Pörings zum Beispiel, die es inzwischen ebenfalls ganz locker auf zehn Stunden ehrenamtlicher Arbeit in der Woche bringt. Nachhife und Sprachvermittlung sind ihr "Ding". Sie unterrichtet nicht nur regelmäßig im Vincentiushaus Deutsch, sondern kümmert sich auch jeweils vier Stunden in der Woche intensiv um zwei der gambischen Nachbarn im Höllhäuser Weg, ganz abgesehen davon, dass auch sie sich überall umhört, um Praktikumsstellen aufzutun. Warum tut sie das? Ganz einfach: „Das sind erwachsene, gleichberechtigte Menschen, die hier Fuß fassen wollen und sollen.“ Einer von ihnen liegt ihr besonders am Herzen, Musa, der gut Englisch aber zu schlecht Deutsch spricht. „Untereinander reden sie kein Deutsch, aber eine Stunde am Tag müssen sie es, damit sie die Sprache lernen“, sagt sie. Also übt sie unermüdlich mit ihnen.

Heute ist sie auf der Suche nach jemandem, der mit Mustafa, dem Metzgerlehrling, eine Stunde in der Woche liest. „Er soll einfach nur deutsche Texte laut vorlesen, egal was und egal, ob er sie versteht oder nicht.“ Die Nachbarin, die heute zum ersten Mal dabei ist, guckt zunächst etwas skeptisch. Aber am Ende lässt sie sich von all der Begeisterung für die sympathische Flüchtlingstruppe anstecken. Ganz munter wird sie plötzlich, man sieht ihr an, dass es sie gepackt hat und sie auch helfen will. Gleich macht sie einen passenden Termin aus, ruft ihrem Mann am Ende des Zimmers zu, dass er sich den regelmäßigen Abend auch freihalten möge, falls sie mal keine Zeit hat. Der Gatte indes ist seinerseits längst in Gespräche vertieft, bietet seinen neuen Nachbarn seine Dienste als ehemaliger Rechtsanwalt an, verspricht bei Behördengängen zu helfen oder auch mal für bestimmte Probleme Ratenzahlungen auszuhandeln.

Und da Fazit des Nachmittags? „Die sind sehr nett“, lautet das einhellige Urteil - von beiden Seiten.

Wer helfen möchte, sei es beim Plätzchenbacken, mit Hängeschränken für die Küche oder sonstwie, meldet sich bitte direkt bei Christiane Krause-Dimmock
Mail: chkrause2@aol.com


Sozialarbeiterin für den Höllhäuser Weg:
Stephanie Maurer
Mail: stephanie.maurer@baden-baden.de
Tel. 07221 96 97 96 14