Sonntag, 20. Dezember 2015

Jahresrückblick eines Flüchtlingshelfers



Flüchtlinge? Deutsche Bedürftige? Und Sie?

 
Von Michael Beck 
Ja, ich mache jetzt schon meinen Jahresrückblick. So ein wenig zumindest. Wenn Sie gegen Flüchtlinge sind und ständig rufen: „Was ist mit unseren Obdachlosen und Bedürftigen?“ lesen Sie weiter – das Thema habe ich auch im Portfolio.

Ein knappes aber bereicherndes Jahr Flüchtlingshilfe in Baden-Baden habe ich fast hinter mir, zehn Monate, um genau zu sein.

Große Freude, große Betroffenheit, Spaß, Zorn, Ohnmacht, neue Freundinnen und Freunde, beeindruckende Personen jeder Couleur, engstirnige und mit großem Horizont, Kampf, Unverständnis, Respekt, Erfolg, Pragmatismus usw. Ein tolles Jahr aus meiner Sicht, trotz aller Widernisse.

Highlights? Viele. Repräsentativ dafür mögen folgende Bilder dienen: Die Tränen des siebzehnjährigen, traumatisierten Flüchtlings, dem wir eine Gitarre organisieren konnten. Sein Lachen im Sprachkurs, das atemberaubende Tempo, in dem er Lesen, Sprechen und Schreiben lernt. In einem Kurs, der eigentlich nur für Fortgeschrittene ist.

Der Moment auf einer Polizeiwache hier, als nach einer Telefonkonferenz von drei Polizeibeamten verschiedener Reviere eine pragmatische Lösung für auf dem Postweg verloren gegangene Zeugnisse eines Nigerianers gefunden wurde. Seine Universität akzeptierte nur eine Verlustbestätigung der Polizeibehörde hier in Deutschland, um ihm neue Zeugnisse zu schicken. Die konnten das natürlich nicht bestätigen, aber – sie haben eine Lösung gefunden. Das zufriedene Lächeln des hochrangigen Beamten, der seine Unterschrift unter das lebenswichtige Papierstück setzte, nachdem er eineinhalb Stunden in uns investierte und uns verabschiedete. Ich darf die Herren und Reviere nicht nennen, trotzdem: Herzlichen Dank! Das Gesicht meines Schülers, unbeschreiblich. 

Die Eritreer, Nigerianer, Gambier, die in einen Job vermittelt wurden, Umarmung und strahlende Augen. Alle Schülerinnen und Schüler, die es in einen anspruchsvollen VHS-Sprachkurs oder sogar direkt in einen Integrationskurs geschafft haben – fünfzig, die ich persönlich kenne, zwischenzeitlich, die trotzdem immer wieder kommen, um noch mehr Deutsch zu lernen. Der syrische Jurist, der mir per What´s App ein schönes Wochenende wünscht und sich auf meinen Sprachkurs freut und seinem Mitbewohner jeden Tag eine Stunde deutsche Sprache und Schrift vermittelt. Der kleine, lachende Gambier, der an der Kurstüre klopft, lacht, die Handschuhe auszieht, mich in den Arm nimmt und sagt: „Wenn Praktikum vorbei ist, ich wieder komme, zu deinem Deutschkurs wieder komme!“ 

Der kleine dreijährige Syrer, der einen kleinen, ausgepackten Schokoweihnachtsmann in der Hand hält und nach einem zweiten fragt, weil es im Deutschkurs am Tag nach Nikolaus Schokomännchen gab – sechs weitere Kids folgten. Diese Augen, dieses Lachen. Endlos könnte ich weitere Begebenheiten und persönliche Schicksale schildern. 

Personen, die sich schämen, weil sie Soldat waren. Personen, denen man vor ihren Augen die gesamte Familie erschossen hat. Personen, die ihre gesamte Familie zurückgelassen haben, in der Hoffnung zu überleben und Frau, Kinder und Eltern nachzuholen. Sind Sie schon einmal 14 Monate auf der Flucht gewesen? Ich nicht. Sie auch nicht. Das Handy und die besten Kleider? Hätten wir alle mitgenommen. Usw. Usw. Usw.

Sie haben etwas gegen Flüchtlinge? Fragen, was mit unseren Bedürftigen und Obdachlosen ist? Engagieren Sie sich, statt Flüchtlinge und deren Helfer zu kritisieren. Arbeiten Sie ein paar Stunden in der Tafel, oder im Diakonieladen oder, oder. Sehen Sie, wer kommt. Machen Sie etwas daraus. Fahren Sie einmal die Woche drei oder vier deutsche Mütter und Väter zur Tafel, damit sie dort einkaufen können, weil sie sich das Busticket nicht leisten können. Übernehmen Sie eine Patenschaft für ein Kind, damit der Erwerb von speziellem Schulmaterial nicht zur Katastrophe in der Familie wird. Besuchen Sie eine Familie, wo in der Küche der Budgetplan hängt, der 2 bis 4 Euro Luft pro Monat läßt. Die neuen, hallentauglichen Sportschuhe, die zerrissene Jeans oder das Bastelmaterial für die Weihnachtsbastelei in der Schule, sie stellen eine Einschränkung dar. Für Leben und Ernährung.

Kümmern Sie sich darum, dass ein armes Kind mit seinen Klassenkameraden einmal Geburstag feiern kann, ohne dass der Rest des Familienmonats eine finanzielle Katastrophe ist. Kümmern Sie sich um Nachhilfe und Individualförderung. Machen Sie den Eltern oder oft genug der Mama einfach mal einen entspannten Abend. Wie, damit entbinden Sie nur „den Staat“ von seinen Pflichten? Da haben Sie recht – das interessiert das Kind ohne Sportschuhe, Frühstück und Obst aber nicht im geringsten. Es leidet – jetzt - so wie seine Geschwister und Eltern. Wie, das hat Sie vor der „Flüchtlingswelle“ nie gekümmert? Kümmern Sie sich doch mal darum, einen „hoffnungslosen Fall“ in Brot und Lohn zu führen. Kümmern Sie sich um Transport. Sehen Sie zu, dass Kinder und Eltern mal einen Nachmittag im Hochschwarzwald, Schnee, Kino, Zoo, Musiktralala o.ä. erleben können, ohne denken zu müssen, „Das Geld dazu fehlt uns aber morgen und den Rest des Monats“. Machen Sie etwas für Obdachlose. Besuchen Sie deren Unterkünfte und sprechen Sie sie einfach auf der Straße an. Trauen Sie sich nicht? Ach so.

Wenn Sie das oder ähnliches tun, dann können Sie mich wegen meines Engagements für Flüchtlinge und andere vielleicht kritisieren. Vorher sollten Sie aber genau checken, was ich neben meinem daily life and profession sonst noch mache. Fragen Sie mich. Aber so weit haben Sie nicht gelesen, oder? Helfen Sie einfach jemandem, tun Sie etwas positives.

Das Video jetzt, ist keine Selbstbeweihräucherung, es ist ein kleiner Appell. Danke an Georg von Langsdorff, der diesen Beitrag gedreht hat und ihn mit diesem Originaltext veröffentlicht hat:
"Seit geraumer Zeit schon beobachte ich, was einige Baden-Badener/innen im letzten Jahr, für die Hilfe und Integration von Asylsuchenden, gleistet haben. Spärliche Anerkennung gibt es zwar, aber wie ich finde, nicht genug. Überdies sollten sich noch mehr Mitbürger bereit erklären mitzuhelfen. Über kurz oder lang werden wir das brauchen. Unsere beste Chance mit der Situation umzugehen, ist die Integration derer die hier bleiben werden und wollen. Ich will zukünftig, in loser Folge, Geschichten von ehrenamtlichen Integrationshelfern erzählen. Das soll ihre Leistung würdigen und Lust darauf machen, selbst mitzuhelfen. Heute: Sprachunterricht in der Industriestraße."

Zum Video => KLICK