Sonntag, 31. Januar 2016

Ein Syrer in Deutschland


Khalil und die Chancen der Sprache

Auf einmal ist er da. Taucht auf aus der breiten Anonymität der Flüchtlinge in Baden-Baden. Auf Facebook hebt er den Finger und diskutiert eifrig mit, im Café international der evangelischen Kirche hilft er als Ehrenamtlicher im Team mit. Den Sprachlehrern fällt er auf, weil sie seinen Wissensdurst nicht stillen können. Wo immer es geht, trägt er - manchmal noch etwas holprig - zur besseren Verständigung zwischen den Kulturen bei.

Bereitwillig kommt er auch in andere Asylunterkünfte im Stadtgebiet, um den Ehrenamtlichen bei der oft schwierigen Verständigung zu helfen, wenn aus Syrien Geflüchtete ausschließlich arabisch sprechen und verstehen. Kein Problem für ihn: Der in Syrien geborene Kurde spricht Arabisch, Kurdisch, Türkisch, Englisch und bereits verblüffend gut Deutsch, obwohl er erst vor fünf Monaten in Deutschland landete und erst hier damit begonnen hat, die Sprache zu erlernen. Ein Talent, ohne Frage, aber gepaart mit eisernem Willen.




So ist es kein Wunder, dass er in Baden-Baden die Runde macht, herumgereicht wird wie ein Schatz. Er verzaubert Ehrenamtliche, die mit ihm automatisch Englisch reden wollen, mit dem Satz „Aber ich verstehe auch Deutsch“. Er ist pünktlich ("Ich weiß: Das ist sehr wichtig in Deutschland"), höflich, fast ein wenig schüchtern, freundlich, humorvoll und bescheiden, und er macht sich so seine Gedanken über das Land, in dem er nun leben möchte. Kurz: Er ist das leuchtende Beispiel, wie einfach Integration funktionieren kann, wenn man nur einen Baustein beherrscht: Die Sprache.

Die Rede ist von Khalil (sprich: Chalil, mit einem kehligen Ch) Khalil. Ja, richtig: Vor- und Nachname sind gleich. „So wie bei Baden-Baden“, pflegt er zu sagen, wenn jemand stutzt. Und schon ist das Eis gebrochen.

Geboren ist er 1988 in Aleppo, und sein Lebensweg war eigentlich gut bürgerlich vorgezeichnet: Er studierte Zivilrecht an der Universität, finanzierte sich das Studium durch Jobs als Patisserieverkäufer, belegte Kurse zum Buchhalter und als Krankenpfleger. Vier Jahre besuchte er die Universität von Aleppo und schloss mit dem Master ab.

Da hatte ihn allerdings bereits der Bürgerkrieg eingeholt, der 2011 in seinem Land ausbrach. Das Elternhaus in Aleppo wurde zerbombt, die Familie floh in ein kleines Dorf auf dem Land. Der Kampf ums Überleben begann, und kein Job weit und breit. So schlug sich Khalil Khalil 2013 über die Grenze in die Türkei durch, wo er in einer Schuhfabrik wie eine Maschine bis zum Umfallen schuftete. 12-Stunden-Schichten seien das gewesen, danach sei er vor Erschöpfung nur noch ins Bett gefallen. Die Behandlung war genauso mies wie die Bezahlung, und Khalil Khalil musste erkennen, dass es so nicht weiterging – noch dazu als Kurde in der Türkei. Zurück in den Krieg konnte er nicht mehr, er sah nur die Möglichkeit, sich in die Hände von Schleppern zu begeben. Deutschland war schon länger das Land seiner Träume gewesen, alles faszinierte ihn: Die Kultur, die freiheitliche Grundordnung...  

Und so fand er sich irgendwann im Juli 2015 auf einem kleinen Boot wieder, er, der Nichtschwimmer! Fünf Stunden bangte er in der Nussschale um sein Leben. „Das Wasser war überall“, erinnert er sich mit Grausen. „Wenn das Boot sinkt, ist es um mich geschehen.“ Mehr konnte er nicht denken.

Aber nein, das Schicksal meinte es gut mit ihm, er schaffte die Überfahrt, landete auf einer griechischen Insel, und setzte seinen Weg fort, betrat am 25. August deutschen Boden, bat in Ulm auf einer Polizeistation um Asyl, wurde nach Karlsruhe geschickt, von dort für ein par Tage nach Sinsheim und dann nach Donaueschingen, wo er zwei Monate im Erstaufnahmelager bleiben musste und wo es ihm überhaupt nicht gefiel, denn die Leute dort seien sehr unfreundlich gewesen. Doch es war ja nicht für ewig.

Zwei Wochen vor seinem 28. Geburtstag, am 4. November – diesen Tag wird er nicht vergessen – wurde er mit 16 anderen Personen weitergeschickt; ausgestattet mit Adresse, Zugticket und GPS-Daten landeten sie mit Sack und Pack am Bahnhof Baden-Baden, wo Sozialarbeiterin und Hausmeister der Stadt sie Empfang nahmen und zur Unterkunft in der Westlichen Industriestraße brachten. Die Enge der Dreibett-Zimmer schreckte sie nicht, sie waren darauf vorbereitet, und außerdem war es möglich gewesen, dass sich drei Freunde das Zimmer teilen. Das macht vieles erträglicher. 


 

Dennoch ist es wirklich eng hier. Das Einzel- und das Stockbett stehen vielleicht 30 oder 40 Zentimeter auseinander, man kann gerade noch durchgehen – könnte durchgehen, muss man sagen, denn die fleißigen jungen Männer haben in diesen Zwischenraum tatsächlich noch einen Tisch gequetscht, ein ovales Möbelstück mit einem Fuß in der Mitte, sonst wäre es nicht gegangen. Die Platte ragt in die Betten links und rechts hinein, aber das stört nicht.

Einer sitzt nun also auf dem Bett und beugt sich über den Couchtisch zum Lernen, der andere sitzt am winzigen Esstisch und schlägt seine Deutschbücher auf. Ein Regal haben die drei Freunde auch besorgt, dort haben sie ihre Kochutensilien aufgereiht, es gelingt ihnen, Ordnung zu halten, und sie beklagen sich nicht.




Schon seit seinem ersten Tag in Deutschland hat Khalil Khalil damit begonnen, Deutsch zu lernen. In Sinsheim, wo er nur ein paar Tage Zwischenaufenthalt hatte, lernte er eine deutsche Helferin kennen, mit der er auch heute noch freundschaftlichen Kontakt hält; sie besorgte ihm die ersten Bücher, Hefte und Stifte. Und während die anderen Karten spielten, schliefen oder spazieren gingen, vertiefte Khalil sich in seine Deutschbücher. Eine Stunde am Tag kam er außerdem über das Handy seines Freundes ins Internet und eignete sich so die Aussprache an, und seit er in Baden-Baden ist und regelmäßigen Unterricht besucht, macht er Riesenfortschritte.

Kein Wunder! Er lässt keine Gelegenheit zum Lernen aus, erstaunte seine ehrenamtlichen Lehrer so sehr, dass sie ihn zur Volkshochschule zu einem Test schickten. 40 Fragen sollte er dort beantworten, erinnert er sich. Er hatte nur begrenzt Zeit und schaffte nicht alles. Nur 33 Antworten waren korrekt, ein Schock für den ehrgeizigen jungen Mann, bis man ihn lachend aufklärte: „Hätten Sie alles beantwortet, hätten Sie ja keinen Deutschkurs mehr nötig gehabt.“

So aber lautete das Ergebnis: "B-2-Level", und er darf seit 11. Januar den Kurs für Fortgeschrittene besuchen. „Schritte Plus 3“ heißt sein Lehrbuch, doch er verzieht etwas das Gesicht, denn auch das ist für ihn viel zu leicht. Doch er sieht es philosophisch: „Die Volkshochschule gibt einem einen Weg, wenn man gehen will, aber wenn man rennen möchte, muss man noch andere Möglichkeiten wahrnehmen“. Selbstlernen ist nun also sein großes Motto. Viermal die Woche geht er vormittags in den Unterricht in der Volkshochschule, daneben kreuzt er dreimal in der Woche abends in den ehrenamtlichen Unterrichtsstunden in der Unterkunft auf, und er sucht (und findet) Kontakt zu Deutschen, wo immer es geht.

Die Vorfälle in Köln haben ihn sehr mitgenommen. Er schämt sich dafür, und das ist kein Lippenbekenntnis. Es ließ ihn nicht ruhen, und so hat er einen offenen Brief und Plakate der Bewohner seiner Unterkunft angestoßen (siehe Blogeintrag => KLICK)

Auch auf Facebook hat er sich öffentlich für die Taten der ihm Unbekannten entschuldigt:




Man nimmt es ihm seine Besorgnis ab, denn schon vor der verhängnisvollen Silvesternacht hat er stets versucht, im sozialen Netzwerk zwischen den Kulturen und den Nationen Brücken zu schlagen: Mal wünschte er frohe Weihnachten, zu Silvester einen guten Rutsch, oder er postet einfach nur einen schönen Spruch – in mehreren Sprachen. 




Religiöse Verblendung ist denn auch kein Thema für ihn: Seine Grundsätze sind Geduld, Toleranz, Güte, Liebe, Respekt, anderen helfen wollen - „Wenn du das alles im Herzen hast, brauchst du keine Religion“, sagt er.

Und danach lebt er auch. Menschen und andere Kulturen kennenzulernen, ist das Wichtigste für ihn, das kann ihm gar nicht schnell genug gehen. Schon bohrt es in seinem Hinterkopf, ob er nicht parallel zu seinen Deutschkursen anfangen sollte, sich ins Französische zu vertiefen. Die passenden Bücher hat er jedenfalls schon ...




Ach ja – Bücher! Die sind seine große Leidenschaft. Meine Frage, ob er schon ein deutsches Buch gelesen hat, beantwortet er mit einem fragenden Blick, der soviel aussagt wie: Ob ich das wohl ernst meine? Dann springt er auf, kniet sich auf den Boden und zerrt mit großer Anstrengung etwas unter seinem Bett hervor: Eine riesige Schublade, voll mit deutscher Lektüre, und noch während ich staunend fotografiere, kommen immer mehr Bücher zum Vorschein, und noch mehr. Bücher, die man nicht unbedingt bei einem jungen Mann aus Syrien vermuten würde. Aber er liest sie!





Auch das Bürgerliche Gesetzbuch, das ein Rechtsanwalt ihm überlassen hat, ist bereits in Gebrauch. Denn irgendwo dort sieht Khalil Khalil seine Zukunft: Er weiß, dass sein syrisches Jura-Studium nicht ausreichen wird, um sich in Deutschland als Rechtsanwalt niederzulassen. Aber er könnte sich sehr gut vorstellen, einem Rechtsanwalt oder vor Gericht als Dolmetscher zu dienen. Seine Augen beginnen unternehmungslustig zu strahlen: „Dafür brauche ich noch Französisch. Und Spanisch. Und Italienisch...“

Gibt es eigentlich so etwas wie eine Freizeitbeschäftigung für ihn? So ganz scheint er die Frage nicht zu verstehen, und ein Blick in seinen Terminkalender offenbart den Grund. Dieser Mann ist gefragt in Baden-Baden! Und er nimmt bereitwillig und freundlich jede Einladung der Ehrenamtlichen wahr, ob zum Konzert, zum Netzwerken oder sogar ins Theater, wo zurzeit mit "Zorn" (=> KLICK) ein höchst aktuelles Stück gespielt wird (Schwierigkeitsgrad S* für seine derzeitigen Deutschkenntnisse, aber er war dennoch beeindruckt).




Und so geht es immer weiter mit ihm. Demnächst, soviel darf ich vielleicht schon verraten, wird er sogar Hauptperson in einer kleinen  Videoreihe sein, erste Vorgespräche mit dem Fachmann, Georg von Langsdorff, liefen bereits:




Hat man, wenn man so viel beschäftigt ist, überhaupt noch Wünsche? Oh ja! Ganz oben steht natürlich die ersehnte Anerkennung als Asylbewerber. Und dann wäre da noch etwas: Seine Bücher, so sagt Khalil in seiner bildhaften Art, seien gut für den Kopf, die Musik fürs Herz, aber Sport, Sport sei für den Körper. Und da fehlt ihm etwas. Bobybuilding wäre sein Traum, wenn er sich etwas wünschen dürfte. Oder, ganz profan und sehr plausibel: „Ich würde gerne schwimmen lernen“, sagt er. Sein Gesicht wird ernst und der Blick verliert sich in der Ferne.