Dienstag, 2. Februar 2016

Sprache - Tipps


Tipps und Tricks
für Sprachlehrer

 
Von Michael Beck
 
Allgemeines:
Gerade in den ersten drei Monaten, in denen die Asylbewerber nicht arbeiten dürfen, ist es umso wichtiger, dass sie beginnen, die deutsche Sprache zu erlernen.
Hier helfen ihnen die Ehrenamtlichen mit kostenlosem Unterricht, der zumeist in den Gruppenräumen der Unterkünfte abgehalten wird.
Um erste Schritte in die deutsche Sprache zu vermitteln, sind für die freiwilligen Sprachlehrer zwar keine dezidierten pädagogischen oder didaktischen Vorkenntnisse erforderlich, sehr hilfreich sind allerdings Englisch- oder Französischkenntnisse, weil es gerade am Anfang einiges zu erklären gibt.
Weiter sollten Sie sich als SprachlehrerIn über folgendes im Klaren sein:
Sprachunterricht für Flüchtlinge ist anstrengend. Er findet regelmäßig statt, und die Flüchtlinge verlassen sich darauf, dass Sie kommen und ihnen etwas beibringen.
Sie befinden sich wahrscheinlich erstmalig in der Situation, dass Sie unterschiedlichsten Ethnien Sprache vermitteln sollen. Sie werden sehr zurückhaltende, sehr offensive, sehr gebildete und weniger gebildete SchülerInnen haben. Dementsprechend unterschiedlich sind die Ansprüche der SchülerInnen. Sie müssen bei neu gestarteten Kursen, ohne Ehrverletzung der Betroffenen, Analphabeten oder TeilnehmerInnen mit extrem schlechten Lese- und Schreibkenntnissen identifizieren und von den „Besseren“ trennen. Das ist eine heiße Kiste – sprechen Sie vor Kursantritt unbedingt mit erfahrenen LehrerInnen darüber und gehen Sie unbedingt behutsam vor.
Bei blockweisen Belegungen von Unterkünften machen Sie das möglichst in Zusammenarbeit mit den zuständigen Sozialarbeitern.
Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie unterschiedlichste Leistungsniveaus in einem Kurs haben können. Das liegt ggf. auch daran, dass auf der Flucht, in der Unterkunft oder anderweitig Freundschaften oder Zweckgemeinschaften gebildet wurden, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen gegenseitig stützen und vertrauen. Solche Gruppen zu trennen, kommt einer emotionalen Katastrophe gleich. Müssen Sie aus einer solchen Gruppe bspw. Analphabeten für einen anderen Kurs herausnehmen, sorgen Sie dafür, dass der Analphabetenkurs deutlich früher beginnt, als ihr Deutschkurs. Dann haben die FreundInnen Zeit, zuerst ihre „Mates“ im Analphabetenkurs zu begleiten und zu unterstützen – nach ein paar Wochen ist das nicht mehr notwendig.
 
Weibliche Flüchtlinge:
Verhalten Sie sich Frauen gegenüber (vor allem als Mann) zurückhaltend. Frauen, die hier ankommen, sind oft stark traumatisiert, viele haben auf der Flucht extreme Gewalt durch Männer erfahren. Drängen Sie ihnen keine körperliche Nähe auf – egal ob beim Betrachten/der Korrektur des Geschriebenen oder bei der Begrüßung/Verabschiedung. Lassen Sie anfangs die Türe zum Klassenzimmer offen, wenn Sie Frauen im Kurs haben. Fragen Sie später, ob es o.k. ist, dass Sie die Türe schließen und nehmen Sie die Antwort ernst. Bitte fassen Sie die Frauen, auch aus den wohlmeinendsten Gründen, nicht einfach unvermittelt an, das kann Emotionen wecken, die Sie nicht kennen wollen. Mit der Zeit entspannt sich alles – bitte haben Sie diesbezüglich viel Geduld.

Pünktlichkeit :
Das ist so eine Sache, je nachdem. Weisen Sie immer wieder darauf hin, dass es wichtig ist, zum Kursbeginn auch anwesend zu sein und nicht später zu kommen. Verzichten Sie darauf, für „Zuspätkommer“ alles bisherige noch einmal zu wiederholen und kommunizieren Sie das auch immer wieder – das wird die Pünktlichkeit rasch verbessern. Weisen Sie daraufhin, dass Sprache der einzige Schlüssel zu Integration und Job ist.
 
Lehrmaterialien/Bücher:
Für Neuankömmlinge gibt es das niedrigschwellig angelegte, teilweise auch mit fremdsprachigen Untertiteln versehene und reich bebilderte Workbook „Thannhauser Modell“. Es vermittelt einfache Basics und lebenspraktische Lerninhalte.
Solange die VHS für Ihre Kurse die Lehrbuchreihe „Schritte“ des Hueber Verlags einsetzt, werden wir diese auch benutzen. Schritte beginnt mit Schritte Alpha zur Alphabetisierung und setzt sich kontinuierlich mit Schritte plus bis zum höchsten Integrationsniveau fort. Schritte Bücher enthalten i.d.R auch CD´s zum Abspielen auf Laptop/CD-Player im Unterricht. Immer eine willkommene Abwechslung, jedoch oft nicht optimal zum aktuellen Begleitkapitel abgestimmt. Vorbereiten.
Bücher können Sie für sich und Ihre Schüler über die Integrationsbeauftragte der Stadt beziehen. Lehrerexemplare sind kostenlos, Schüler bezahlen für ein Thannhauser Workbook 2,- €, für ein Schritte Buch (egal welche Stufe) 5,- €, den Restbetrag trägt die Stadt.
Umfangreiche Links mit downloadbaren Arbeitsblättern, Anregungen etc. sowie Einsicht in Stundenpläne der Standorte, Veranstaltungen, selbst erstellte Arbeitsblätter usw. erhalten Sie auf der Sprachlehrerplattform Baden-Baden. Schreiben Sie eine Email an sprachlehrer-baden-baden@outlook.de , teilen Sie uns den Standort in dem Sie tätig sind/sein werden und ihre Kontaktdaten mit, dann erhalten Sie einen Zugangscode zur Plattform und eine Bedienungsanleitung. Über neue Unterlagen, die Sie dort einstellen können, freuen wir uns immer.
 
Tafel und Schrift:
Sie arbeiten, zwangsläufig, wahrscheinlich mit einer Tafel. Verwenden Sie nur Druckschrift – viele Flüchtlinge können unsere lateinische Schreibschrift nicht lesen, sind aber oft zu höflich, bescheiden oder zu ängstlich, das zu sagen. Machen Sie sich vorab einmal Gedanken, wie Sie „Ihre“ Tafel für Ihren Lehrstoff strukturieren. Nur Draufschreiben reicht nicht und bringt Sie über Kurz oder Lang selbst in die Bredouille. Die Extraspalte für Wörter aller Art ist immer hilfreich und füllt sich ständig neu, anfangs. Ebenso sollte es eine Rubrik „Fragen/Themen“ geben, die von Stunde zu Stunde von den Teilnehmern bestimmt wird. (Nachfragen zur Grammatik, Buch, Zeitung, Dinge die die Flüchtlinge draußen gehört, aber nicht verstanden haben, etc.) Lassen Sie die Themen/Fragen am Rand auf der Tafel stehen. Machen Sie sich Gedanken über die Zeit, die Sie zur Behandlung/Klärung einplanen müssen. Außerdem zeigen Sie damit, dass Sie die Frage ernst nehmen.
Viele Flüchtlinge müssen lange Zeit die Aussprache deutscher Vokabeln in ihrer Heimatsprache oder Heimatschrift aufschreiben, als Ersatz für fehlende Phonetik. Haben Sie daher Geduld mit Ihrem Tafelaufschrieb. Wischen Sie immer nur die obere Hälfte aus, die untere Hälfte wird gerade noch von manchem abgeschrieben.

Stundenstruktur:
Gehen Sie nicht einfach in die Unterkunft und machen Sie irgendwie Unterricht. Nehmen Sie sich ein Lernziel vor und stecken Sie dieses zunächst sehr, sehr niedrig. Als Neuling müssen Sie ja erst Erfahrungen sammeln, sich auf Ihre SchülerInnen und deren Fähigkeiten einstellen etc. Wenn es nicht geklappt hat, sind Sie das nächste mal schlauer, das wird schon. Planen Sie grundsätzlich Zeit für Wiederholungen ein. Überzeugen Sie sich, was Ihre TeilnehmerInnen aufschreiben, falsch geschriebenes prägt sich leider schnell ein. Planen Sie immer einen Teil mit Situationen aus dem „echten Leben“ ein. Das hält die Schüler bei der Stange. Lockern Sie die Stunde mit einem kurzen, kleinen Spiel auf.
Wenn Sie extreme Niveauunterschiede haben, teilen Sie in „stille Arbeit“ und „laute Arbeit“ ein. Solange still ein paar Aufgaben/Übungen gemacht werden, können Sie mit den anderen an der Tafel „laut“ arbeiten. Dann wechseln Sie. Das müssen Sie sorgfältig planen.
Sehen Sie zu, dass Sie sich nicht nur sklavisch an die hier vorgegebenen Lehrbücher halten. Flüchtlinge schätzen und brauchen unbedingt reale Lebenssituationen. Arztbesuch, „Wie komme ich zur Briegelackerstraße…“, Einkauf, Bus-/Bahnticket erwerben, eine Notlage melden etc. Vergessen Sie nicht, dass die Flüchtlinge ein reales Leben ausserhalb des Lehrbuchs haben. Die Frage „Wie viele Kühe hat der Bauernhof?“ hilft ihnen nicht wirklich. Die Antwort des Schaffners in der Bahn „Sie sind im falschen Zug. Ihr Ticket gilt hier nicht, Sie müssen am nächsten Bahnhof aussteigen.“ schon.
Wichtig: Bringen Sie soviel Zeit mit, dass Sie nach Ihrem Kurs noch ein paar Minuten Zeit für individuelle Sprachfragen haben, die sich Ihre TeilnehmerInnen während des Kurses nicht zu stellen trauen. Gesichtsverlust ist ein großes Thema, Höflichkeit auch.
Und sorgen Sie für Disziplin im Sprachkurs. Setzen Sie sich durch. Das kostet Energie – bringt den Sprachkurs aber vorwärts. Um Disziplin zu erreichen, müssen Sie nicht laut, böse oder bedrohlich sein. Sprechen Sie vorher mit uns.
 
Klassen-/Kursgröße:
Für die Alphabetisierung ist eine TN-Zahl von 6-8 Personen das Maximum. Oft müssen Sie für diese Größe bereits zu zweit arbeiten.
Absolute Sprachanfänger ohne Englisch-/Französischkenntnisse sind mit ca. 12 Personen max. noch handhabbar.
Sprachanfänger und Fortgeschrittene mit Englisch-/Französischkenntnissen sind bis 20 Personen handhabbar – je nach Zusammensetzung.
Wir hatten auch schon Kurse mit 30 Personen, was allerdings nicht lustig ist. 15 sind optimal.


Korrigieren:
Korrigieren Sie ohne Ehrverletzung Fehler. Kontinuierliches korrigieren einzelner Personen führt dazu, dass diese nicht mehr kommen, weil es ihnen peinlich ist. „Fast richtig“ „Richtung stimmt“ „Gut aber….“ Verwenden Sie solche Formulierungen, hier ist auch Englisch oder Französisch hilfreich, denn die Korrektureinleitung muss verletzungsfrei und sofort verständlich erfolgen.
Stellen Sie Kontrollfragen. Viele Ethnien sind zu höflich, um zu sagen, dass sie etwas nicht verstanden haben – weil man meinen könnte, Sie als Lehrer hätten es schlecht erklärt. Sie nicken auf jede Nachfrage und strahlen Sie an. Anderen ist es peinlich, sie wollen ihr Gesicht vor den anderen nicht verlieren, oder nicht schlechter sein, als die anderen. Oder sie haben schlicht Angst. Stellen Sie daher Kontrollaufgaben. Bis Sie Routine haben, müssen Sie diese vorbereiten.
 
Ihr know how in Deutsch:
Sie sollten deutsche Sprache nicht nur in Wort und Schrift beherrschen, sondern auch standfest in deutscher Grammatik sein, der werden Sie nicht entgehen. Spätestens wenn Ihnen Schüler gegenüber sitzen, die einen VHS-Kurs besuchen. Vielleicht frischen Sie Ihr Schulgedächtnis vorher einfach mal auf. Überlegen Sie, was Sie auf Englisch/Französisch erklären können, denn das spart Ihnen ungeheuer viel Zeit. Verbünden Sie sich mit Fremdsprachlern als Dolmetscher in der Stunde – diese sollen einfach übersetzen, was Sie auf Englisch/Französisch erklären, das spart Zeit und schafft Akzeptanz.
 
Liebe:
Sie machen Deutschunterricht um Wissen und Sprache zu vermitteln. Nicht um geliebt zu werden.
Nehmen Sie es nicht persönlich, wenn ein Schüler nicht mit Ihnen zurecht kommt und lieber zu jemand anderem geht. Es sind Menschen wie wir, da „menschelt“ es eben auch mal.