Donnerstag, 17. März 2016

C.i. - Motivation


"Einen Beitrag zur Gesellschaft leisten"



Die 6-Uhr-Pause (six-o'clock-break) im Café international, das jeden Freitag von 17 bis 19 Uhr unterhalb des Bonhoeffersaals für Baden-Badener und Flüchtlinge stattfindet, erfreut sich steigender Beliebtheit. Nicht nur miteinander in Kontakt zu kommen und deutsch sprechen zu üben steht im Mittelpunkt des Treffens, sondern mittlerweile auch der Kurzvortrag nach der Hälfte der Zeit. Immer wieder werden aktuelle Themen vorgestellt, angefangen von den Rechten der Frau bis hin zu den Grundrechten Freiheit-Gleichheit–Brüderlichkeit.




Kürzlich stellte Lea Herfs (Mitte) eine Umfrage vor, in der sie 51 ehrenamtliche Helfer nach ihrer Motivation für ihr freiwilliges Engagement gefragt hatte. Die Befragten konnten verschiedene Möglichkeiten gewichten. Keinerlei bis sehr geringe Zustimmung fanden selbstsüchtige Möglichkeiten wie "Ich möchte dadurch gesellschaftliche Anerkennung erreichen", "weil ich mich langweile" oder "weil ich mich ablenken will".

Ganz eindeutig war das Urteil der Mehrheit zur Aussage "ich möchte meinen Beitrag zur Gesellschaft leisten":




Um die gesamte Präsentation zu sehen, klicken Sie bitte hier => KLICK
oder auf das untenstehende Bild:


KLICK


Zusätzlich zur Umfrage hatten einige Ehrenamtliche noch ihre eigene Sichtweise ausgedrückt, hier einige Beispiele:
 
1.
Ich will beteiligt sein am Umbau unserer Gesellschaft und helfen, dass dies friedlich vonstatten geht. Also auch reiner Eigennutz. Ich habe keinen Bock auf Krawall in meiner Stadt. 
Auch finde ich mich im Alltag oft wieder als Vermittler zwischen den Leuten, die überhaupt gar nix mit Asylsuchenden zu tun haben und kann dann aus erster Hand berichten, wie der Alltag so aussieht.
Ich will die Informationen und Eindrücke aus erster Hand und unmittelbar, und nicht aus Fernsehen und Presse. Also ich will mir besser eine Meinung bilden können.

2.
Ich mache es weil ich es als meine Bürgerpflicht ansehe. Soweit es mir meine berufliche Tätigkeit als Lehrerin noch erlaubt. Dort bin ich auch bereits den halben Tag mit Menschen mit Migrationshintergrund beschäftigt, die aber alle schon länger hier in Deutschland sind.
Außerdem habe ich interessante Menschen durch die Flüchtlingsarbeit kennengelernt.

3.
Wir (die Länder der sog. 1. Welt) leben seit der Kolonialzeit auf Kosten der armen und ärmsten Länder. Unser Wohlstand basiert auf Ausbeutung der Menschen, die dort leben. Sie kommen zu uns, weil sie keine Perspektive haben (keine Ausbildung, keine Jobs, Armut).
Auch Deutschland exportiert Waffen in Krisengebiete und befördert so Bürgerkriege und bewaffnete Auseinandersetzungen. Und mit den Flüchtlingen kommt der Krieg zu uns. Ich denke, wir alle haben eine Verantwortung diesen Menschen gegenüber, dass wir sie menschlich aufnehmen und in unsere Gesellschaft integrieren. Damit unsere Gesellschaft sich nicht spaltet und sich eine Parallelgesellschaft bildet.
Und da unsere Politik keinen Plan hat, müssen wir uns einbringen...

4.
Den Zuwanderern der 1960er und 1970er Jahre wurde kaum geholfen, sich zu integrieren. Mit den bekannten Folgen: Auch die Enkel dieser Migranten sind oft nicht wirklich integriert, die Bildungschancen sind schlecht, mancherorts sind ganze Parallelgesellschaften entstanden. Einen solchen Fehler muss eine Gesellschaft nicht zweimal machen. Wir wissen und können es besser.
 
5.
Ich mache es, weil ich es in der momentan stattfindenden Polarisierung in Politik und Gesellschaft für wichtig halte, zu zeigen wo man steht. Außerdem freue ich mich über das Engagement so vieler Ehrenamtlicher – im Gegensatz zu den 1990er Jahren, als die Asylarbeit für und mit Asylbewerbern noch ein Spießrutenlaufen bedeutete. Ich war damals Mitglied in einer Gruppe der Ausländer-und Flüchtlingsräte im Murgtal (Runder Tisch) und erlebe die jetzige Situation um ein vielfaches positiver.
 
6.
Ein Gemeinwesen (gilt auch für Verein, Familie, Schulklasse, Lehrerkollegium usw.) kann aus meiner Erfahrung dann gut funktionieren, wenn jedes Mitglied 5% mehr in das Gemeinwesen hineingibt, als es unbedingt muss. Diese 5% bringen ein Gemeinwesen sozusagen zum Blühen und fördern eine Aufwärtsspirale. Das ist für mich ein wesentliches Motiv für mein ehrenamtliches Engagement für die Aktiv Brücke. Meine Frau hat es ihre „Bürgerpflicht“ genannt; für mich sind diese 5% ein Ausdruck meiner Dankbarkeit all denen gegenüber, die mich bisher ebenso   gefördert und unterstützt haben, also zunächst meine Eltern, aber auch Lehrer, Künstler, Arbeitskollegen usw.   Für das Große und Ganze ist es dabei auch egal, wohin meine Dankbarkeit geht.
Zurzeit sind die Adressaten unsere Gäste aus anderen Ländern, die versuchen, sich hier eine neue Perspektive für ihr Leben zu schaffen.

7.
Ich habe mit dem Engagement auch deshalb angefangen, weil ich will, dass Baden-Baden eine weltoffene und tolerante Stadt bleibt. Als klar war, dass sehr viele Menschen kommen würden, drohte meiner Einschätzung nach ein Klima der Ablehnung. Mir war es wichtig dabei zu sein, um die Stimmung in der Stadt positiv zu beeinflussen.
Zudem bin ich in einer Familie groß geworden, die mütterlicherseits am Ende des Zweiten Weltkriegs aus Schlesien geflohen ist. Die Erzählungen meiner Mutter, wie ablehnend die Bevölkerung auf die Flüchtlinge reagiert hat, haben mich zeitlebens begleitet. Mein Vater wiederum hat die DDR verlassen, weil er dort a) nicht studieren durfte und sich b) in der katholischen Jugend engagiert hatte.

8.
Ich die Flüchtlinge so aufnehmen möchte wie ich in deren Heimatländern aufgenommen wurde (ich arbeitete viele Jahre in Jordanien und Zaire).
Ich nicht nur (mit)reden, sondern was tun will (damit ich weiss wovon ich rede).
Die wären auch ohne Merkels offene Haltung gekommen.

9
Mir geht es vor allem darum, dass die Flüchtlinge, die ihnen zustehenden Rechte auch wahrnehmen und nutzen können.
Da ich aus einer teilweise jüdischen Familie stamme, ist es auch so etwas wie eine Verpflichtung, dass ich mich für Verfolgte aus anderen Ländern, die nun hier Schutz suchen, einsetze.
Wäre während der Nazizeit die Aufnahmewilligkeit der anderen Länder größer gewesen, wären vielleicht mehr Verfolgte des Nazi-Regimes geflüchtet und gerettet worden.

10
Wenn meine Familie oder ich in einer ähnlichen Situation wären, wäre ich auch froh, wenn jemand da wäre, der Verständnis hat und hilft. Ich kann aber nur das erwarten, was ich selbst bereit bin zu geben.

11.
weil es ein Zeichen der Nächstenliebe ist
weil wir als Mitverursacher es ihnen schuldig sind.
weil es uns gut geht
weil ich Mitgefühl habe
weil es dafür keinen Grund geben muss, sondern eine Selbstverständlichkeit ist
weil es gut und sinnvoll und erfüllend ist
weil ich mich freue, anderen ganz praktisch helfen zu können
weil ich einen Traum von einer friedlichen Gesellschaft habe 
weil ich mit meinem Engagement andere anspornen möchte, mitzumachen
weil ich den Zögernden unbegründete Ängste nehmen möchte
weil es sich lohnt
weil es alternativlos ist