Sonntag, 10. April 2016

Suleiman Touram - 4

Der lange Weg in die Integration - 

über Stock und Stein und mit viel Humor

Es ist schon merkwürdig. Tausend Asylbewerber leben derzeit in Baden-Baden, und doch sind es einige wenige, deren Schicksal einen nicht loslässt und die einem immer wieder über den Weg laufen. Suleiman Touram zum Beispiel, der höfliche, freundliche, manchmal schlitzohrige Schneider aus Gambia. Seit Monaten begleiten wir ihn auf seinem holprigen Weg in die deutsche Normalität, und immer wieder kommen hier auf dem Blog Anfragen von Menschen, denen er begegnet ist: Wie es ihm inzwischen wohl geht, erkundigen sie sich anteilnehmend. Wird er es schaffen?

Tja, einfach hat er es nicht, in Deutschland Fuß zu fassen. Er ist kein leuchtendes Beispiel, das man gerne präsentieren möchte. Aber vielleicht hat er sich auch gerade deshalb in die Herzen vieler Baden-Badener eingegraben. Sein Lachen ist ansteckend, auch wenn es oft schwer ist, ihn zu verstehen. Zu schnell haspelt er sein Englisch herunter, aber irgendwie begreift man den Sinn schließlich doch. "Lern Deutsch", ermahnen wir ihn immer und immer wieder, er verspricht es, aber...

Aber der Reihe nach:




Zuerst fiel er uns auf, als er sich in seiner Unterkunft in der Westlichen Industriestraße mit einem glücklichen Strahlen über die erste gespendete Nähmaschine hermachte. Man merkte es sofort: Hier war jemand plötzlich in seinem Element! Sein Leben bekam einen Sinn. Das war im Mai letzten Jahres. => KLICK

Große Pläne hatte er plötzlich! Er würde eine eigene Kollektion entwerfen! Sich selbständig machen! Seiner kleinen Tochter in Gambia, die bei seiner Schwester lebt, Geld schicken können! Träume! Sehnsüchte!

Aber würde er mit den afrikanischen Gewändern, die ihm so geläufig waren, wirklich den großen Wurf machen können? Er war sich nicht sicher und hatte bald eine bessere Idee: Den ganzen Sommer war er vor einem Supermarkt in der Nähe des Bertholdplatzes anzutreffen, wo er – erste selbstgenähte Kleidungsstücke im Rucksack – die Passanten aufmerksam beobachtete, um ein Gefühl für Modegewohnheiten, Schnitte und Stoffe in Deutschland zu bekommen. => KLICK




Er versuchte alles, stellte mit Hilfe der Ehrenamtlichen sogar einen Antrag auf Selbständigkeit bei der Ausländerbehörde - vergebens: Selbständigkeit ist für Asylbewerber vor Abschluss ihres Verfahrens und ihrer Anerkennung schlichtweg ausgeschlossen. Ein langer schmerzlicher Lernprozess, den er und auch seine Betreuer durchmachten. => KLICK




Gertrud Esslinger zum Beispiel, die er immer wieder um Hilfe bittet, kann ein Lied davon singen. Wie oft hatte die Bühnenbildnerin (=> KLICK) dem jungen Mann schon unter die Arme gegriffen. Sei es mit Eingaben und Erkundigungen bei Ausländeramt ...




... sei es, indem sie ihm Anregungen gab, wie er seine Kreativität entfalten könnte, ...




... sei es, dass sie versuchte, ihm seinen Traum von Nähkursen für Asylbewerberinnen zu verwirklichen, indem sie aus einem aufgelösten Fundus einen ganzen Kofferraum voll Stoffballen zu ihm karrte
und schon das nächste Problem - wo lagern? - lösen musste.

Über allem schwebte darüberhinaus stets seine drohende Abschiebung nach Italien, weil Suleiman ein sogenannter Dublin-III-Fall war: Er war bei seiner Flucht auf dem Mittelmeer von einem italienischen Regierungsboot gerettet worden und hatte noch an Bord - also auf italienischen Hoheitsgebiet - seinen Fingerabdruck abgeben müssen, und damit wäre nun eigentlich das Land südlich der Alpen für seinen Fall zuständig. Er aber war nach leidvollen Erfahrungen und vielen Entbehrungen im gar nicht so "bella" Italia weitergezogen nach Deutschland, und hätte nun eigentlich zurückgeschickt werden müssen in das Land, in dem er viele Monate auf der Straße, im Elend hat verbringen müssen. „Nach Italien?“ Er war entsetzt! Eher würde er sich umbringen, sagte er mit solch einer Vehemenz, dass selbst sein Asyl-Rechtsanwalt Michael Hummel nervös wurde. Und der ist einiges gewohnt. => KLICK




Nun, als wir Suleiman wiedrtrafen, war die Klippe "Dublin-III-Abschiebung" mittlerweile elegant umschifft, Suleiman darf also in Deutschland den Ausgang seines Asylverfahren abwarten, und ist auf dem besten Weg, sich in Baden-Baden zu etablieren.

Die Wende zeichnete sich Ende des letzten Jahres ab, als er, angestachelt durch die nimmermüde Ehrenamtliche Gertrud Esslinger, endlich in einen Deutschkurs ging. Warum hatte er nur so lange damit gezögert? Nun, zum einen gibt es erst seit Spätherbst überhaupt offizielle Sprachkurse für Leute wie ihn bei der Volkshochschule, zum anderen hatte er sich vorher aus einem ganz besonderen Grund vor dem Unterricht bei den ehrenamtlichen Helfern gedrückt: Weil es ihm so ging wie vielen Menschen, die nur äußerst schlecht lesen und schreiben können - sie schämen sich, sie versuchen, sich um brenzlige Situationen herumzumogeln, versuchen zu vertuschen, dass sie Probleme mit den Buchstaben haben. Es dauerte lange, bis selbst seine Vertrauenspersonen davon Wind bekamen, wie es in Wahrheit um ihn stand. Dann aber war alles einfach, der passende Kurs war schnell gefunden, und seitdem – das hatte kaum jemand wirklich für möglich gehalten – besucht er den Unterricht regelmäßig.



Den Traum vom Schneidern gibt er derweil natürlich nicht auf, denn Nähen, das ist einfach sein "Ding". So war er auch gleich Feuer und Flamme, als ihm angeboten wurde, in der Flüchtlingsunterkunft im Abarin eine Ehrenamtliche zu unterstützen, die dort einen Nähkurs für die Bewohnerinnen anbietet. Pünktlich ist er jeden Dienstag zur Stelle, hilft freundlich und geschickt, wenn es an den Nähmaschinen klemmt und zwickt. Überall ist er zur Stelle, wo es fachliche oder technische Probleme gibt. Bedeutet: Er könnte vier Hände haben – mindestens! Die freiwillige, unbezahlte Arbeit macht ihm Spaß, das merkt man, und auch die Kursleiterin, die nicht genannt werden möchte, ist voll des Lobes über ihn.






Aber ach, es wäre nicht Suleiman, wenn er einen beim kleinen Fotoshooting nicht mit einer neuen Hiobsbotschaft zur Seite ziehen würde! Er hat seinen Ausweis verloren und – noch schlimmer: Gerade hat er einen Bescheid bekommen, dass er für sein Bett in der Gemeinschaftsunterkunft rückwirkend ab Mitte letzten Jahres knapp 200 Euro - monatlich! - zahlen soll. Eine unermessliche Summe, zumal ihm Ende des Jahres all seine wenigen Ersparnisse aus seinem Spint gestohlen worden waren (ein Bankkonto darf er erst seit kurzem haben). Er ist verzweifelt, hat Angst, dass man ihn zurückschicken wird, wenn er diese gewaltige Summe nicht bezahlt. „Ich verdiene doch gar kein Geld“, wundert er sich und lacht ein bisschen. "Das ist doch verrückt!"

Also muss wieder mal die Betreuerin ran und klärt dann auch schnell, dass es sich hier nur um ein formales Schreiben handelte, um Zuständigkeiten von Amt zu Amt zu formulieren. Und auch die Sache mit dem verlorenen Ausweis ist nur halb so schlimm, im Gegenteil! Das ist doch DIE Gelegenheit, beim Ausländeramt vorstellig zu werden, und noch einmal ein gutes Wort für ihn einzulegen, damit er endlich, endlich, endlich eine Arbeitsgenehmigung bekommt... Gedacht, getan, und siehe da – eine Woche später strahlt der junge Mann! 




Er hat einen neuen Ausweis! Wenn auch immer noch - zu seinem Bedauern - mit einem falschen Namen. "Touram" hatte irgendjemand bei der Registrierung falsch in die Papiere geschrieben, und nicht, Touray, wie sein Nachname tatsächlich lautet. Damit wird er nun leben müssen, wurde ihm mitgeteilt, zumindest solange, bis sein Verfahren abgeschlossen ist. Und das kann noch eine ganze Weile dauern.

Aber immerhin besitzt er seit vorletzter Woche eine Aufenthaltsgestattung, die vorerst bis Ende September läuft. Eine Zeitspanne, die Luft zum Lernen und Träumen und Handeln lässt. 

Denn, ganz wichtig: Endlich ist er da, der Vermerk, dass er arbeiten darf: "Erwerbstätigkeit nur mit Erlaubnis der Ausländerbehörde" heißt das im besten Verwaltungsdeutsch. 



Stolz! Richtig stolz ist er darauf! 

In der Zwischenzeit hilft Suleiman seiner Betreuerin - unentgeltlich natürlich – wo er kann. Zum Beispiel bei der Ausstattung eines Theaterstücks. „Geld wie Heu“ - heißt der Schwank in drei Akten sinnigerweise, letzte Woche war Premiere. 




Die Vorhänge für das Stück hat er persönlich genäht, und beim Fototermin war er mit Feuereifer dabei, den Stoff gut und praktisch in die Kulisse zu drapieren. 






Der Lohn? Sein (echter!) Name steht nun auf der Liste der Mitwirkenden!



Und natürlich durfte er bei Premiere dabei sein. Schick in Schale hat er sich dafür geworfen und war beim Schlussakkord mit auf der Bühne: 


 

Und nun? Wie geht es weiter?

Jetzt heißt es, eine Stelle für ihn zu finden. Straffe Arbeitszeiten sind zwar nicht unbedingt etwas für den kreativen jungen Mann, der ja auch noch regelmäßig seinen Deutschkurs besucht, aber ein Praktikum oder eine Teilzeitbeschäftigung im Näh-Bereich - das wäre eine Chance, von der er (und alle in seinem Umfeld) träumen!

Und wie das mit Träumen so ist - "E.N.D.E." kann ich unter diese Geschichte wohl noch nicht schreiben. So bleibt nur der übliche Satz: "Die Geschichte wird fortgesetzt!"


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