Donnerstag, 28. April 2016

Sprachpaten


Frau K. und die Suche nach einer Sprachpartnerin


So schnell kann es gehen!

Samstag Abend:
Eine reizende ältere Dame, nennen wir sie Frau N., schreibt eine Mail:

"Endlich könnte hier etwas für mich dabei sein! Über (… die Zeitung) bin ich auf das Wirken von Johannes Grenzemann gestoßen...

(Anmerkung: Link zu meinem Beitrag über die Online-Plattform Refugee Favorz => KLICK )



Frau N. schreibt weiter:

... Ich bin nicht mehr immer gesund und auch schon etwas alt und wagte deshalb nicht, eine regelmäßige Tätigkeit für Flüchtlinge anzunehmen.
Dabei habe ich eine Menge Eignungen, um mitzumachen. Bin selbst sogar ein doppelter Flüchtling (aus Schlesien 1945 und aus der DDR 1967) und so ist mein Herz dabei. Ich habe schon unzählige ganz oder fast ganz unbezahlte Nachhilfestunden gegeben für Schüler und Erwachsene. Ich kann Englisch und auch Computer, ich kann Spielen und mir gut vorstellen, was einer (eine) braucht, der fremd ist.
Ich stelle mir vor, beim Deutsch-Sprechen-Lernen zu helfen in einer deutschen Wohnung und Küche und Keller oder beim Rausgucken aus dem Fenster oder bei Spaziergängen oder Geschichten-Erzählen.
Ich stelle mir das sogar sehr schön vor, weil hier auf beiden Seiten eine starke Motivation da ist und nicht wie bei Kindern auch noch Erziehung immer dabei sein muss.
Also bitte, liebe Frau Hampp, helfen Sie mir hinein in diesen Kreis, denn leider habe ich (ungeduldig!) bei Favorz keinen für mich passenden Einstieg gefunden. Bitte richten Sie Herrn Grenzemann aus, ich wünsche ihm von Herzen mehr und mehr Erfolg. Endlich mal etwas was schnelle Wirkung entfalten könnte!"

Sonntag:
Ich sehe die Mail und freue mich, muss aber verreisen.

Dienstag 
15.56 Uhr:
Aufruf an Ehrenamtliche in den verschiedenen Flüchtlingsunterkünften, von denen aus man Frau N.s Wohnung zu Fuß erreichen kann. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Acht Minuten, um genau zu sein:

16.04 Uhr:
"Im VH gibt es eine 26 jährige Syrerin, sehr höflich, die noch keinen Kurs besucht. Soll ich sie mal fragen?"

Mittwoch
10.30 Uhr:
Erstes Sondierungsgespräch bei Frau N.
Sie will auf keinen Fall Unterricht geben und sich durch die Haken und Ösen deutscher Grammatik quälen. Insofern wäre eher jemand passend, der schon ein bisschen Deutsch spricht. Sieht also nicht gut aus.

11.30 Uhr:
Vincentiushaus. Aisha steht vor mir, die junge Ärztin aus Damaskus. Mein Herz fliegt ihr zu. Sie kann wirklich nicht viel Deutsch, dafür aber astreines Englisch. Sie ist erst seit zwei Monaten in Baden-Baden, wartet sehnsüchtig auf die Zulassung zu einem Deutschkurs, hat sich bereits selber ein paar Brocken beigebracht, aber eigentlich zu wenig, um mit Frau N. wie gewünscht Konversation zu betreiben.

Während wir uns testweise unterhalten, steht für mich fest: Wenn Frau N. lieber jemanden Fortgeschritteneres haben will, nehme ich Aisha unter meine Fittiche! Fast hoffe ich, dass Frau K. den Kopf schüttelt.

16 Uhr:
Aisha und Frau N. stehen sich gegenüber. Sie sehen sich in die Augen, lächeln. Sympathie auf den ersten Blick! Arme breiten sich aus. 

Einmal noch, bei der ersten Tasse Tee, wird Frau N. ein bisschen ernst: "Ich will, dass eines klar ist", sagt sie und hebt den Finger. "Ich bin keine Lehrerin. Ich will eine Partnerin sein." Aisha versteht auf Anhieb. Sie nickt und strahlt, als habe sie einen Sechser im Lotto gewonnen.


So ähnlich ist es ja auch, denn sie hatte bisher sehr wenig Kontakt zu Deutschen, erzählt sie mir später auf dem Heimweg. Das findet sie schade, denn seit ihrer Kindheit, lange vor Ausbruch des Kriegs in Syrien, war es ihr großer Traum, nach Deutschland zu kommen und hier zu leben. Warum? "Weil die Menschen sich hier gegenseitig respektieren."

Jetzt hat sich der Traum der jungen Internistin erfüllt. Ganz allein hat sie sich auf die beschwerliche Flucht gemacht, ist ihrem jüngeren Bruder gefolgt, der schon ein paar Monate vorher losgezogen war, um dem Krieg zu entkommen. Seit zwei Monaten lebt sie nun in Baden-Baden, und tatsächlich ist sie in derselben Unterkunft wie ihr Bruder gelandet. Wenn das kein Grund zum Strahlen ist!

Und nun geht es auch mit der Sprache voran. Mit Frau N.s Hilfe zweimal die Woche wird sie schnell Fortschritte machen. Auch Aishas Bruder darf mitmachen, das wird ganz spontan entschieden.

Aisha glücklich, Frau N. glücklich.

Ziel erreicht!

Die Plattform Refugee Favorz ist voll von Flüchtlingen, die jemanden zum Sprechen suchen. Manche Asylbewerber bieten sogar Gegenleistungen an: Eine Tasse Kaffee oder ein selbst gekochtes Essen, afrikanisch oder syrisch, je nachdem... Klicken Sie doch mal rein!


Refugee Favorz => KLICK


Im Idealfall kann man sich ganz unkompliziert mit ihnen online vernetzen.

Aber wenn jemand so reizende Mails schreibt, geht es ausnahmsweise (!) auch mal auf dem etwas altmodischeren Weg...