Sonntag, 3. April 2016

Stephan Langreder


Bindeglied zwischen Flüchtlingen und Arbeitswelt:

Stephan Langreder

Schreibtisch, Besprechungsgruppe - fertig. Stephan Langreders Büro im ehemaligen Forstamt in der Rheinstraße 111, ganz oben unterm Dach, ist alles andere als gemütlich oder luxuriös. Soll es auch gar nicht. Es soll einfach nur Mittel zum Zweck sein, und der Zweck ist eindeutig: Möglichst viele Asylbewerber in möglichst kurzer Zeit möglichst fundiert und nachhaltig auf möglichst gute Arbeitsstellen zu vermitteln.


Arbeitsintegrator hat man seine Stelle genannt, ein etwas sperriger Begriff. Lotse würde es wahrscheinlich besser treffen. Und schon bei dieser Frage der Begrifflichkeit wird der Modellcharakter der Stelle deutlich. 




So ist Stephan Langreder eigentlich Diener zweier Herren: Er ist von der Stadt angestellt und arbeitet Bürgermeister Michael Geggus zu, bezahlt wird die Stelle von Karlheinz Kögel, einem Baden-Badener Unternehmer. Kögel engagiert sich in hohem Maße für die Integration von Flüchtlingen in seiner Stadt und hatte im Herbst letzten Jahres die Idee für eine solche Nahtstelle zwischen Flüchtlingen und Arbeitswelt, da es bei der Vermittlung der Flüchtlinge viel unbürokratische Fantasie und guten Willen braucht, vor allem auch bei einer großangelegten Vernetzung verschiedener Verwaltungen, Gruppierungen, Organisationen und Einzelpersonen in Richtung Arbeitgeber in Wirtschaft und Handwerk.




Seit knapp vier Wochen ist Stephan Langreder nun als Baden-Badens Arbeitsintegrator unterwegs; der 55jährige Familienvater wurde von Tag Eins ins kalte Wasser geworfen, denn wie es nun mal bei Modellfunktionen so ist: Da gibt es keine Einführungskurse oder Eingewöhnungszeit. Man setzt sich an den Schreibtisch und legt los. Und 1000 Asylbewerber stehen vor der Tür und die meisten von ihnen wollen nichts sehnlicher als arbeiten. Der Erwartungsdruck ist also von allen Seiten sehr hoch.


Mit 55 Jahren eine Pionieraufgabe - warum?


Für Stephan Langreder gab es kein großes Zögern, als er von der Stellenausschreibung erfuhr. Er habe viele Jahre einen guten Posten in der freien Wirtschaft gehabt und sich in dieser Zeit ein kleines Polster angelegt, das es ihm nun ermöglicht, sich für einen Job eher wegen der speziellen Herausforderung als wegen der Verdienstmöglichkeiten zu interessieren. „Wir erleben gerade eine wahnsinnige Herausforderung für unser Land“, sagt er. Für ihn ist dies „Challenge und Chance zugleich“, gerade im Hinblick auf die Vielfalt der Menschen, die kommen. Als die Schaffung dieser Stelle publik wurde, arbeitete er gerade ehrenamtlich in einem Baden-Badener Flüchtlingsprojekt und hatte längst aus eigener Erfahrung gelernt, welch eine spannende Aufgabe Integration sein kann. Zudem bringt der reiselustige gelernte Diplom-Betriebswirt genügend Auslandserfahrungen mit.

Es ist ihm wichtig, einen Beitrag dazu zu leisten, Menschen in unsere Welt einzuführen. Für viele Flüchtlinge werde dies nur eine Einführung auf Zeit sein, weil sie vielleicht zurückgehen werden, wenn sich die Lage in ihrem Land wieder stabilisiert, „aber ebenso werden viele auch für immer hierbleiben“, schätzt er.


Eine große Herausforderung


Zumal sich schon aus diesem Spannungsfeld die Frage stellt, welches Ziel man eigentlich verfolgt. Es prallen oft große Gegensätze aufeinander, hat Langreder bereits in vielen Gesprächen erfahren: Auf Seite der Flüchtlinge gibt es oft träumerische Vorstellungen über Arbeitschancen in Deutschland – diesen Menschen müsse man dann oftmals „brutal ins Gesicht“ sagen, dass Deutschland kein Schlaraffenland ist und dass sie einen Blick für die Realitäten entwickeln müssen.

Realismus herrscht auch an Langreders Schreibtisch. Fleißarbeit ist angesagt, denn es gilt, Grundlagen zu schaffen: Also werden zunächst Datenbanken erstellt, um die Kompetenzen eines jeden arbeitswilligen Asylbewerbers zu erfassen und diese Profile ständig zu aktualisieren, sobald sich beispielsweise sein Aufenthaltsstatus oder sein Sprachlevel ändert. Eine knifflige Aufgabe ist allein die Erstellung und Pflege dieser Tabellen, denn, wie gesagt, fast alles, was Langreder anpackt, ist Neuland, Testphase, Pionierarbeit.

Die Kommunen und Landkreise in Baden-Württemberg arbeiten derzeit an einer Software-Lösung, um Kernthemen wie Unterbringung, aber auch Sprache und Jobfähigkeiten in einer Datenquelle zu bündeln. Freiburg erarbeitet eine Pilotanwendung, demnächst soll es hier eine Vernetzung geben, eventuell sogar landesweit. Vorteil wäre dann ein Download aller relevanten Grunddaten der Flüchtlinge.



Stephan Langreders Arbeitsfeld geht weit über das der Arbeitsagenturen hinaus. So ist er in die Vermittlung und Schaffung vieler sogenannter Ein-Euro-Jobs eingebunden, die caritative und kirchliche Organisationen aber auch Vereine schaffen können. Er kümmert sich um Hospitanzen und Praktika, immer mit dem Ziel, diese später in längerfristige Beschäftigungsverhältnisse überzuführen. Dazu wird es Dienstag nächster Woche ein Treffen mit den Arbeitgebern aus der Region geben => KLICK

Oberste Priorität haben im Augenblick die Sprachkenntnisse der Flüchtlinge. Dies und eine hohe Bleibeperspektive sind die Kriterien, nach denen Langreder die Kandidaten vorsortiert. Sprachlevel A2 oder besser noch B1 sind gefordert, sonst nutzt der beste Wille seitens der Arbeitgeber nichts. „Die Leute müssen einfach verstehen können, was von ihnen verlangt wird“, so Langreder. Und für ein Studium erfordert sogar oft umfangreiche C1-Kenntnisse.

Im einzelnen erfasst er den Status des Flüchtlings, erstellt ein Profil über dessen Bleibe-Perspektive und seine Stärken und Schwächen, er analysiert aber auch bei Flüchtlingen, die bereits in Arbeit oder Praktikum stehen, ob es sich nur um einen Job zum Geldverdienen handelt oder ob die Arbeit auf Nachhaltigkeit angelegt ist.

Den ersten Schritt müssen die Asylbewerber übrigens selbst gehen: Schon zur Begrüßung erhalten sie ausgedruckte Kompetenzbögen, die sie ausfüllen sollen. Diese Kompetenzbögen leiten die Sozialarbeiter der Unterkünfte direkt an Langreder weiter, der sie auswertet und erfasst, und – wenn er auf ein spannendes Profil stößt – sofort nachhakt und sich die Aspiranten in einem Vertiefungsgespräch näher ansieht. Dazu geht er zusammen mit der Vertreterin der Agentur für Arbeit und dem betreffenden Sozialarbeiter auf die Leute in den Unterkünften zu. 20 solcher Nacherfassungsgespräche führt er zur Zeit pro Woche, hinzu kommen diverse Meetings um sich innerhalb und zwischen den Ämtern abzustimmen, ebenso nimmt er an Netzwerkrunden teil.



So hat sich inzwischen ein „Netzwerk Arbeit“ etabliert, in dem Ehrenamt, Caritas, Volkshochschule, Agentur für Arbeit und Jobcenter an einem Tisch sitzen und Maßnahmen, Schulungsangebote, mögliche offene Stellen aber auch Rahmenbedingungen und gesetzliche Änderungen quasi auf dem kurzen Dienstweg besprochen werden.

Natürlich gibt es auch Flüchtlinge, die sich selbst um Arbeit bemühen. Das läuft oft per Zufall ab, darüber hinaus steht die Jobbörse der Arbeitsagentur jedermann offen – wenn er oder sie einen Computer und Internetanschluss hat. Die gefürchtete Vorrangprüfung, die Flüchtlinge in den ersten 15 Monaten in Deutschland daran hindert, Jobs zu ergattern, wenn diese Arbeit auch ein Deutscher oder anderer Europäer ausüben kann, ist übrigens inzwischen in zahlreichen Berufsgruppe aufgehoben worden: Neben der Gastronomie sind die Hürden unter anderem im Metallbau, bei Mechatronikern, in der Elektrotechnik, auf dem Bau, in der Software-Entwicklung, in der Altenpflege, in der Orthopädie und der Rehatechnik gesenkt worden.

Dennoch gibt es oft lange Gesichter, wenn Langreder nachhakt. Manchmal zerplatzen dann allzu hochfliegende Berufsträume. Selbst in niederschwelligen Handwerksberufen können die in einem anderen Kulturkreis üblichen Fähigkeiten oftmals nicht an die deutschen Mindeststandards heranreichen. Auch umgekehrt gibt es Irritationen, wenn zum Beispiel eine Institution einen Ein-Euro-Job oder ein kostenloses Praktikum anbietet und dann erfährt, dass zumindest eine Betriebshaftpflichtversicherung für den Asylbewerber abgeschlossen werden muss.


Die Rolle der Ehrenamtlichen


Auf die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer kann und will Langreder nicht verzichten, ganz im Gegenteil. Sie helfen den Asylbewerbern zum einen beim Ausfüllen der Kompetenzbögen, zum anderen erfassen sie deren Lebensläufe, was für die spätere Bewerbung notwendig sind. Denn bei aller Vorarbeit: Hat Langreder einen Arbeitgeber gefunden, der einem Flüchtling eine berufliche Chance geben will, und hat er auch einen Flüchtling gefunden, der für diese Stelle geeignet scheint, dann kann er nichts weiter tun als die Daumen zu drücken. Denn dann geht alles seinen gewohnten Gang. Das heißt: Es gibt eine Stellenausschreibung, auf die sich der Aspirant ganz normal bewerben muss. Und genau hier greifen die Ehrenamtlichen ein: Sie helfen dem Schützling, ein gutes Anschreiben aufzusetzen, sie legen seinen Lebenslauf bei und – so der optimale Weg – begleiten ihn, wenn es soweit geklappt hat, auch zum Vorstellungsgespräch.


Neue Aufgabenfelder


Übrigens hat Langreder mittlerweile festgestellt, dass nicht nur ehrenamtliche Job-Begleiter und Sprachlehrer wichtig und sinnvoll sind, sondern auch ehrenamtliche Mathelehrer gebraucht werden. Manch einer der Flüchtlinge hätte dringend eine Schulung in Kopfrechnen und Drei-Satz-Aufgaben nötig, so seine Erfahrung.

Viele, viele Gespräche und Sondierungen und hartnäckiges Nachhaken sind also im Augenblick notwendig, um etwas zu erreichen, und so ist die Sehnsucht des Lotsen nach einem Leuchtturm-Beispiel hoch. „Ich würde mich echt freuen, wenn wir bald ein besonders gelungenes Beispiel der Arbeitsintegration vorzeigen könnten“, sagt Langreder. Und so macht er unermüdlich weiter. Gleich steht ein Telefonat mit der Kirchengemeinde an, die Ein-Euro-Jobs anbieten möchte, und dann überlegt er bereits intensiv, welche Service-Clubs er um Arbeits-Patenschaften bitten könnte. Denn – auch das musste er lernen – allein das Übersetzen und Beurkunden eines Hochschuldiploms, das für den weiteren Werdegang eines akademischen Flüchtlings unabdingbar notwendig ist – kann bis zu 400 Euro kosten. „Das kann der Asylbewerber nicht selber aufbringen.“ 




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