Sonntag, 29. Mai 2016

Chris Huck


Menschen in Baden-Baden, heute:

Chris Huck und der Straßenfußball


So erfüllend und lohnend ehrenamtliche Flüchtlingshilfe auch ist – manchmal kommen die Helfer an ihre Grenzen. Dann braucht man schon eine Menge Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen, um dranzubleiben. Chris Huck, ein engagierter sportlicher junger Mann, kann ein Lied davon singen.




Hier seine Geschichte – die zum Glück gut ausgeht:

Kennt das noch jemand? Man schnappt sich einen Ball, geht auf die Straße, dribbelt ein bisschen – und schon kommen andere Jungs aus der Nachbarschaft dazu und man ist mitten drin im schönsten Fußballspiel. Früher funktionierte das. Ohne Handy, ohne Computer, ohne Verabredungen. Einfach so. Früher.

Warum soll das eigentlich heute nicht auch gehen?

Das fragte sich der 29jährige gelernte Maschinenbautechniker aus Bühl vor ein paar Monaten, schnappte sich einen Ball, ging in eine Flüchtlingsunterkunft (hier: Waldseeplatz) – und hatte im Handumdrehen jede Menge nahezu gleichaltriger Leute um sich geschart, die Lust hatten, mit ihm gemeinsam zu kicken. Ganz so wie "früher".

Leider nicht ganz so unkompliziert wie es einstmals Sitte war. Chris Huck brauchte für die Umsetzung nicht nur Muskeln, sondern auch ein gutes Nervenkostüm. Denn reibungslos läuft es nicht, wenn jemand in Baden-Baden die Idee hat, außerhalb eines Vereins mit Gleichgesinnten Fußball zu spielen und die Hobbykicker irgendwie und irgendwann und irgendwo zu einer festen, aber ungebundenen Mannschaft zu formen.




Am „irgendwo“ drohte das Spiel nämlich fast zu scheitern. Man kann nicht so einfach losziehen, sich einen spielfreien Platz suchen und mit dem Training beginnen, selbst dann nicht, wenn der Verein, der eigentlich Spielzeiten auf dem Grün gebucht hat, damit einverstanden ist.

Das musste auch Chris Huck erfahren. Eigentlich hatte er sich alles unkompliziert vorgestellt, und ganz unerfahren war er auch nicht, trainiert er doch bereits eine Flüchtlingsmannschaft in Bühl. Die Idee, auch in Baden-Baden zusammen mit Jungs aus aller Herren Länder herumzukicken, kam ihm im Winter. Da hatte er gehört, dass sich für die neue Unterkunft am Waldseeplatz eine Helfertruppe formierte. Er kam gleich zum ersten Treffen, trug seine Idee in eine Liste ein. Und kaum wurde die Unterkunft belegt, tauchte er auf und hielt den Ball hoch. Ein Zeichen, das auch von Leuten verstanden wird, die noch kein Wort Deutsch können. Los ging es also!




Schnell fand er zunächst großzügige Spender (Kickschuhe kann sich ein Flüchtling nicht leisten, sie sind aber notwendig, um überhaupt einen Platz nutzen zu können), einen freien Platz (den E-Jugend-Platz im Aumatt – oberhalb des großen Sportplatzes, hinter der Tribüne), ein freies Zeitfenster (Mittwoch und Freitagabend) und einen Verein (TC Fatihspor), der unkonventionell helfen wollte.

Aber ach, so einfach war es dann nicht. „Sind die Flüchtlinge Mitglieder des Vereins?“, wollte die Stadt umgehend wissen, als Huck um Spielerlaubnis nachfragte. Wenn nicht, müsse aus Haftungsgründen ein Nutzungsvertrag direkt mit dem Nutzer, der die Flüchtlinge betreut, abgeschlossen werden. Außerdem könne der TC Fatihspor nicht eigenmächtig Dritten die Belegung eines Platzes genehmigen.

Zum Glück half der Caritasverband weiter, nahm die Mannschaft unter sein Dach, und damit waren zumindest alle kniffligen Versicherungsfragen fürs Erste geklärt.

Vom Tisch waren die Sorgen damit leider nicht. Nun beschwerte sich ein anderer Verein, der auf dem großen Platz trainiert, dass die Flüchtlinge – voller Vorfreude ihrer eigentlichen Trainingszeit um eine Stunde voraus – plötzlich unangemeldet auf dem großen Platz auftauchten und herumkickten und andere Leichtathletik-Sportler dadurch störten. 


 

So schnell kann es gehen: Das Projekt stand plötzlich auf der Kippe. Aber der gute Wille war da, und zwar auf allen Seiten, das muss hier auch erwähnt werden: Nach aufgeregtem Mail-Verkehr kam es zu einem gemeinsamen Gespräch mit allen Beteiligten und Verantwortlichen, in dem die Eckpunkte festgelegt wurden: Das Training wurde genehmigt, zur Absicherung musste der Platz allerdings offiziell gemietet werden. Die dafür nötigen 12 Euro pro Training übernimmt die Caritas, die auch haftungsrechtlich mit im Boot sitzt, und die Stadtverwaltung ermahnte alle Ehrenamtlichen, künftig keine Alleingänge mehr zu probieren...

Alles gut? Nicht ganz. Denn auch auf der anderen Seite gab es Probleme; manche der Flüchtlinge brauchen einfach Zeit, sich an Kommunikation, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit zu gewöhnen...

Jeder andere hätte sich auf diesem wochenlangen Weg durch die Dornenhecke entmutigen lassen, nicht so Chris Huck! Er hat Verständnis für die Sicht der Stadt: „Ist doch klar, dass es keine Sonderrechte für Flüchtlinge geben kann“, betont er. Im benachbarten Bühl hat er die Schwierigkeiten nicht, da trainiert er ebenfalls Flüchtlinge, aber dort gehört der Platz dem Verein, und das erleichtert viele Wege.

Wäre es nicht einfacher gewesen, er hätte die Leute in verschiedenen Vereinen untergebracht? Chris Huck ringt nach Worten in der Hoffnung, nicht missverstanden zu werden. Er ist und bleibt, so bekennt er, in erster Linie ein glühender Verfechter des Straßenfußballs; Spaß statt Pflicht und Zwang ist sein Motto.

Er wolle die Flüchtlinge einfach nur aus ihrer Not und ihrer Einsamkeit herausholen, auch wenn sie anfangs nicht regelmäßig zum Training kämen. Schon an dieser gewissen Unzuverlässigkeit würde ein vereinsmäßiger Auftritt ja schnell scheitern, meint er. Spontanität ist da nicht unbedingt gefragt oder geduldet. Genau hier will er ansetzen und den Flüchtlingen niederschwellig anbieten, ohne Sanktionen befürchten zu müssen, spielerisch gewisse Regeln und Verhaltensweisen zu lernen. „Man muss ihnen Zeit geben“, sagt er, „Sie brauchen diesen Lernprozess.“ Erst wenn es jemand verinnerlicht habe, dass er anrufen muss, wenn er zum Training verhindert ist und nicht kommen kann, könne man ihn in einen Verein vermitteln.

Gerade mit diesen Grundvoraussetzungen hat natürlich auch er selbst ein bisschen zu kämpfen. Jedes Mal, wenn er mittwochs und freitags abends auf seine Kicker wartet, lautet die Gretchenfrage, ob überhaupt genügend Leute erscheinen, damit die Gruppe eigenständig trainieren kann. Immerhin hat er einen Plan B in der Tasche: zur Not gibt es eben ein gemeinsames Training mit dem TC Fatihspor, mit dem es übrigens vor einiger Zeit auch schon ein Testspiel gab.




Abschrecken lässt er sich von solchen Startschwierigkeiten nicht, im Gegenteil. „Ich bin ein strukturierter Mensch“, sagt er über sich und lächelt stoisch. „Ich habe schnell gemerkt, dass viel Arbeit auf mich zukommen wird, aber ich werde so schnell nicht aufgeben.“

Ein harter Kern von 12, 13 Spielern hat sich mittlerweile herausgebildet, Leute, auf die er sich verlassen kann. Mit ihnen wird er auch demnächst ein allererstes Freundschaftsspiel absolvieren (Termin siehe unten), falls er die notwenige Platzmiete von 26 Euro auftreiben kann und noch einen - möglichst ehrenamtlichen - Schiedsrichter findet... Und er hofft, dass bis dahin auch die einheitlichen Trikots da sind, die – wie es in Baden-Baden zum Glück möglich ist - ein großherziger Spender spontan in Aussicht gestellt hat (darüber wird natürlich noch gesondert berichtet).




Was Chris Huck allerdings noch schmerzlich fehlt, ist ein verbindender Abschluss der Trainingsabende. Einstmals, da habe man sich ja nach dem Training oft noch zu einem Bier zusammengesetzt, sagt er, das geht im Aumattstadion leider nicht. Erstens gibt es kein typisches Vereinsheim mehr, zweitens sind seine Spieler ein geselliges Beisammensein gar nicht gewohnt. „Die gehen gleich nach dem Training zurück ins Camp.“ Das bedauert er und träumt deshalb von anderen Möglichkeiten, Teamgeist zu bilden – einem gemeinsamen Kinoabend beispielsweise bei einem englisch-sprachigen Film. Allerdings braucht er auch dafür noch Sponsoren, denn die Flüchtlinge können sich einen solchen Kinobesuch nicht leisten, auch wenn die Kulturloge bereits eine gewisse Unterstützung signalisiert hat.

Was treibt einen 29jährgen Maschinenbautechniker eigentlich an, sich derart zu engagieren? Er könnte doch am Feierabend auch einfach seinen eigenen Hobbys nachgehen – lesen, römische Geschichte und kochen.



Chris Huck lächelt versonnen. „Ich möchte einfach nur was machen“, sagte er schließlich. Er habe ja schon in jungen Jahren am eigenen Leib erfahren, wie gut Teamsport tut. Beim Fußballspielen werde alles andere ausgeblendet, die Konzentration richte sich nur auf den Ball, das Spielfeld und die Mitspieler. Man können einfach abschalten.

Und da ist noch etwas, was ihn antreibt: „Die Gesellschaft verlernt immer mehr, sich einfach mal unverbindlich und ohne Regeln irgendwo zu treffen, zum Beispiel auf einer Sitzbank, so wie es früher auf dem Dorf die Alten gemacht hatten“, meint er. „Heutzutage gibt es doch nur noch streng durchorganisierte Treffen und keine Zufälle mehr.“ Da wolle er mit seinem mehr oder minder spontanen Kick-Angebot entgegenwirken.

Was wünscht er sich?

Dass mehr Gleichaltrige mitmachen! Zurzeit gebe es beispielsweise eine Aktion des Badischen Sportbundes (der übrigens jeden Sportverein, der einen Flüchtling als Mitglied aufnimmt, mit zehn Euro Beitragszuschuss unterstützt), Flüchtlinge in Vereine zu vermitteln. Dazu gehe nun jeweils der Sprengelbeauftragte, meist der Präsident höchstselbst, durch die Flüchtlingsunterkünfte und knüpfe Kontakte zwischen Flüchtling und Verein. Besser wäre es, so Chris Huck, wenn jüngere aktive Spieler wie er diese Aufgabe übernehmen würden, und Werbung für die Vereine machten, aber - „es gibt kaum gleichaltrige Ehrenamtliche, die mitmachen würden“, ist seine Erfahrung.

Warum ist ihm seine ehrenamtliche Arbeit so wichtig?

Da gibt es für ihn kein Zögern: „Beim Fußballtraining vergessen die Spieler den Alltag und das Erlebte. Wenn der Ball rollt, dann sind sie keine Flüchtlinge mehr, sondern Fußballer. Alle sind gleich. Es zählt nur das Hier und Jetzt.“




Spricht's und trommelt endlich seine Leute zusammen, die während des Interviews schon etwas ungeduldig geworden sind. Kaum geht es auf den kleinen Nebenplatz, sind sie in ihrem Element. Wer ihren Feuereifer gesehen hat, der sieht sofort, wie recht Chris Huck hat. Und noch etwas wird klar: Seine Hartnäckigkeit und sein Engagement haben sich gelohnt. Für alle. Und auf lange Sicht.



Aktualisierung: Die Zeiten ändern sich, neuerdings gibt es für die meisten Flüchtlinge erst nachmittags Sprachunterricht an der VHS, manche sind auch bereits in Lohn und Arbeit - deshalb macht das Fußballtraining über den Winter Pause - es sei denn, es findet sich noch eine Halle fürs Training.

Mehr Informationen über die Aktivitäten in der Unterkunft am Waldseeplatz finden Sie hier =>  KLICK

Aktualisierung Juli 2017: Mittlerweile gibt es immer noch kein geeignetes Spielfeld für Chris Huck und seine Mannschaft, auch ist die Mannschaft nicht besonders homogen, aber er ist weiterhin untermüdlich am Ball und inzwischen mit den Fußballern freundschaftlich verbunden. Wie es mit Projekten eben manchmal so geht in der Flüchtlingshilfe.