Sonntag, 1. Mai 2016

Youssef Fistikji


Menschen in Baden-Baden, heute:

Youssef Fistikji und die Musik

Manchmal ist er wie ein großes Kind, seine Stimmungen wechseln wie das Aprilwetter vor dem Fenster seines Zimmers in der Asylunterkunft in der Schussbachstraße: Mal springt er begeistert auf, seine Augen leuchten, dann wieder kullern Tränen aus dem Augenwinkel, und im nächsten Augenblick legt er selig die Hände auf die Brust und gesteht mit unendlicher Sehnsucht in der Stimme: „Musik, das ist mein Leben. Wenn ich singen kann, ist alles gut.“ 





Youssef Fistikji ist kein berufsmäßiger Sänger, also keiner, der mit seiner Leidenschaft Geld verdienen will. Aber die Musik hilft ihm, seine Erlebnisse zu verarbeiten, sich einzufinden in diesem fremden Land, wieder der zu sein, der er einmal war. Damals, vor wenigen Monaten, in Aleppo.

Damals war er erfolgreicher Apotheker. Die Kunden, so erinnert er sich begeistert, rannten ihm die Bude ein, standen Schlange vor seiner Tür. Abends, wenn er heimkehrte in seine Wohnung und auf dem Balkon seine Shisha rauchte, hatte er die Taschen voller Geld. Glücklich war er damals, so glücklich.

Alles hätte gut sein können. Wenn nur der Krieg nicht gewesen wäre. Dieser Krieg, der seit 2011 in seiner Heimat Syrien tobt und alles zunichte und die Menschen müde und mürbe macht. So mürbe, dass sie sich davonmachen, schweren Herzens. Sie lassen alles hinter sich, die Eltern und Verwandten, sie geben ihre Existenz auf, sie wagen sich auf ein überfülltes Schlauchboot, sie haben viele Stunden auf dem Meer den Tod vor Augen, um dann in einen Freudentaumel zu verfallen, wenn sie endlich europäischen Boden erreicht haben. Und sie lassen nie ihr Ziel aus den Augen: Deutschland!

Warum Deutschland? Youssefs Augen strahlen wieder: „Ich liebe die deutschen Regeln und Gesetze“, sagt er inbrünstig. „Hier sind alle Menschen gleich und werden respektiert.“

Und hier lebt bereits seine Schwester mit Mann und Kind, in Hessen allerdings. Gerne wäre in ihrer Nähe, aber nun ist erst einmal Baden-Baden seine Heimat geworden, und diese Stadt, so sagt er, wächst ihm jeden Tag mehr ans Herz.

Kein Wunder, denn er hat in Baden-Baden bereits ein enges soziales Netz geknüpft. Über die Musik natürlich, wie kann es anders sein bei einem Mann, der in seiner Heimat Aleppo im Kirchenchor St. Theres als Solist gesungen hat. 

So führte sein erster Weg auch gleich in den Gesangverein Concordia, dessen Proben er regelmäßig besucht, auch im Migrantenchor Migras, der jeden Donnerstag in seiner Unterkunft zusammenkommt, schätzt man seine tragende Stimme. (Hier ein Video von seinem Auftritt beim Willkommensgottesdienst in der Drei-Eichenkapelle vor ein paar Wochen => KLICK)

Eine Mitsängerin, stattliche 84 Jahre alt, wie er dankbar betont, hat sich mittlerweile um sein berufliches Weiterkommen gekümmert, und so fährt er nun zweimal die Woche neben dem Sprachunterricht nach Rastatt in eine Apotheke, wo er ein Praktikum absolviert. Vielleicht wird ja irgendwann mehr daraus, hofft er.

Auch eine weitere Ehrenamtliche, Ute Davies, hat sich seiner angenommen und holt ihn desöfteren aus der Einsamkeit. Kürzlich waren beide im Festspielhaus beim Nederland Danse Theater, für das DM-Eigentümer Götz Werner großzügig Eintrittskarten für die Baden-Badener Flüchtlinge und ihre ehrenamtlichen Helfer gekauft hatte. 
 



Und wie hat ihm die Aufführung gefallen? Youssef macht ein bedenkliches Gesicht. Ein toller Abend sei das gewesen, keine Frage, sagt er. Allerdings - Ballett ist nicht ganz so sein Ding. Mit Musik kann er, ehrlich gesagt, mehr anfangen! Ach, die Musik! Auch in seinem Zimmer ist alles auf Musik eingerichtet. Hier sitzt er oft und spielt selbstvergessen auf dem Keyboard.... (hier ein Video dazu => KLICK)


wenn er nicht gerade die deutsche Sprache büffelt. Mit Riesenerfolg übrigens! Bester seines Jahrgangs! Bald ist er auf B 1 Level!




So können wir auch dieses Interview ohne Dolmetscher auf Deutsch führen, obwohl Youssef erst im Herbst nach Baden-Baden gekommen ist – übrigens ausgerechnet an jenem Tag, an dem im Vincentiushaus die große internationale Suppenparty lief. Das hatte die Stadtverwaltung damals mächtig ins Schwitzen gebracht, weil der zuständige Hausmeister sowohl die Suppenparty unterstützte, als auch gebraucht wurde, um 37 völlig überraschende Neuankömmlinge unterzubringen. Da wurden die halbe Nacht Betten aufgebaut und Zimmer hergerichtet und... aber das ist eine andere Geschichte.

Für Youssef Fistikji endete an diesem 26. September seine abenteuerliche Reise von Syrien über die Türkei, wo er tagelang in einem Hafen auf der Straße schlief, um ein Boot zu erwischen, das ihn sogleich in Todesangst versetzte, weil es so überfüllt war. Nie wird er den Freudentaumel vergessen, der alle erfasste, als man griechischen Boden unter den Füßen hatte.

Youssef zückt sein Handy und beginnt Fotos zu zeigen. Fotos aus der Heimat, von damals, als er Besitzer der kleinen Pharmazie war, von Onkel und Tante, die ihm nach der Ausbildung zum Bauingenieur seinen damaligen Lebenstraum erfüllten und ihm in Armenien und der Ukraine ein Auslandsstudium zum Apotheker ermöglichten. 2009 schloss er es mit dem Master ab. Während der Ferien war er stets in die Heimat zurückgekehrt und hatte dort – staatlich angeordnet – an militärischen Übungen teilgenommen. Ein Glücksfall für ihn, denn diese Zeiten wurden ihm angerechnet, als er nach dem Studium wieder nach Syrien zurückkehrte. 2010 wurde er zwar zum Militärdienst eingezogen, er erlebte den Ausbruch des Krieges im März 2011 als Soldat, aber nach einem Jahr und acht Monaten, am 1. Januar 2012, kam er frei. Aufatmen, auch wenn nun neue Sorgen drückten, denn der kleine Bruder, 1991 geboren, dient immer noch zwangsweise als Soldat. Kein Tag vergeht, an dem die Familie sich keine Sorgen um ihn macht.

Unablässig wischen Yussefs Finger über den kleinen Schirm seines Smartphones. Fotos. Hunderte. Hier die Ankunft in Griechenland, oder hier, weiter vorne, die Eröffnung seiner kleinen Apotheke. Und hier: Sein letzter Tag in der Apotheke. Er steht vor den prall gefüllten, überquellenden Regalen und lächelt auf dem Bild, „aber innerlich habe ich geweint“, gesteht er. 



An jenem Abend, genau gesagt nachts um drei Uhr, hat er den Rucksack genommen und ist losgezogen, eine Zukunft für sich zu suchen. Die Fingerbewegungen werden langsamer. Fotos der Verwandten sind jetzt auf dem Smartphone zu sehen, vom großzügigen Onkel, der gestorben ist, von der geliebten Tante und … jetzt mag er nicht mehr hinsehen und hält mir das Handy direkt hin … von seiner Mutter. Er kennt die Reihenfolge der Bilder auswendig, seine Stimme wird immer leiser, als er sagt „Jetzt kommt das Bild mit ihr und meiner Tante, da diskutieren wir über meine Abreise und hier... jetzt, auf dem Bild weint meine Mutter..." Er schweigt, wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel, blickt zur Seite. Er will keinen Trost, lächelt gequält. Denn es ist ja alles so gekommen, wie er es sich gewünscht hatte. „Ich wollte immer nach Deutschland“. Er genießt es, dass es hier immer Wasser und Strom gibt, und, wichtiger noch, wie er nimmermüde wiederhoolt: „Ich liebe die deutsche Sprache, die Regeln und Gesetze.“

Und - ach! - er liebt die deutschen Frauen! Beziehungsweise er würde sie gerne lieben, aber da stößt er an unsichtbare Grenzen, die ihn verstören. „Ich sage einer Frau, wie schön sie ist und dass ich sie einladen möchte, und sie antworten immer: Ich habe schon einen Freund, und dann gehen sie weg“. Das versteht er nicht. In Syrien und in der Ukraine, da war das ganz anders gewesen, da hat er mit seinem offensiven Charme immer Erfolg gehabt. Erstaunt hört er nun Erklärungsversuchen zu und ist dankbar für den Tipp, zurückzuhaltend zu sein, Frauen nicht einfach auf der Straße oder an der Bushaltestelle anzusprechen, es langsam angehen zu lassen, ihnen Zeit zu geben. Er will's versuchen, wenn auch nur halb überzeugt, weil die Frauen es doch gut bei ihm haben würden. Und da ist es wieder, dieses unwiderstehliche kindliche Strahlen, das sich von seinen Augen über das ganze Gesicht ausbreitet...

In diesem Sinne - viel Glück, Youssef! 



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