Sonntag, 19. Juni 2016

Dietrich Dorow


Der freundliche Fahrrad-Mann braucht Unterstützung

Dietrich Dorow ist ein freundlicher, geduldiger Mensch. Er schmunzelt viel, man merkt ihm an, dass er seine Kundschaft mag. Jeden Dienstag um 10 Uhr öffnet der ehemalige Kfz-Mechaniker die Tore der Fahrradwerkstatt in der Flüchtlingsunterkunft der Westlichen Industriestraße, und es dauert nicht lange, da ist er umringt von jungen Männern mit ihren kaputten Drahteseln. Mindestens 20 sind es in der Regel, denen er sofort an Ort und Stelle hilft.




Meistens hat er es dann mit platten Reifen zu tun, defekten Bremsen und Gangschaltungen. Gerissene Ketten gehören ebenfalls zum täglich Brot des 74jährigen, der sein Wissen und seine Tatkraft nun schon mehr als ein Jahr ehrenamtlich zur Verfügung stellt. Er macht es wirklich gern, sagt er, aber langsam ist er mit seiner Geduld am Ende. Und das liegt nicht an den Flüchtlingen, sondern an mangelnder Unterstützung. Der Ärger fängt im Kleinen an.


Foto: Khalil Khalil


Hier“, sagt er entnervt und drückt auf den Lichtschalter. „Zehn Minuten. Dann geht das Licht wieder aus. Seit einem Jahr bitte ich die Stadt nun schon, einen anderen Schalter einzubauen, damit ich Dauerlicht habe. Und? Nichts.“ Er winkt ab und beugt sich wieder über den kaputten Reifen, der er gerade flicken soll. Wenigstens die Luftpumpe funktioniert noch. Aber Schrauben, um ein Schutzblech zu befestigen, gibt es nicht in der richtigen Größe. Dabei hatte die Stadt einstmals großzügig und unbürokratisch Unterstützung bei der Materialbeschaffung zugesagt. „Das hat sich dann zerschlagen“, seufzt Dorow und hebt die Schultern. Seitdem wurstelt er sich halt durch und improvisiert. Und ist dankbar für alles, was wohlmeinende Mitbürger ihm vorbeibringen.

Auch alte Fahrräder werden gern genommen, auch solche, die schon längst nicht mehr verkehrssicher sind. Meistens hapert es schon am Licht. Geld, um Rück- oder Vorderlichter zu kaufen, hat er nicht, also werden die antiquierten Drahtesel mit einem skeptischen Stirnerunzeln an die neuen Besitzer abgegeben. In einer anderen Unterkunft in der Stadt werden Räder nur mit Licht, Helm und Schloss - und nach erfolgreicher Fahrradprüfung - zugeteilt, davon kann Dorow nur träumen.




Ich habe mal bei der Polizei angerufen und gefragt, was ich denn tun soll, wenn die Flüchtlinge bei mir mit nicht verkehrssicheren Fahrrädern auftauchen. Wissen Sie, was die Antwort war?“ Dorow sieht hoch und schmunzelt. „Der Polizist am anderen Ende sagte, da sei er überfragt. Er müsse mich weiterverbinden.“ Eine Antwort hat er auch dann nicht bekommen. Welche auch? Fahrräder sind für die Asylbewerber gerade draußen in der Westlichen Industriestraße das einzige Fortbewegungsmittel, das sie sich leisten können, um zu den Behörden, in die Stadt oder zur Arbeit zu kommen. Da ist es ihnen egal, ob sie klappern, scheppern oder kein Licht haben. Hauptsache sie funktionieren einigermaßen.



Selbst die Polizeibeamten, die kürzlich mit einigen Flüchtlingen sicheres Fahren geübt haben und mit ihnen durch die halbe Stadt geradelt sind, haben alle Fünfe gerade sein lassen und die Mängel großzügig übersehen, berichten einige der Teilnehmer der Tour und lachen ein bisschen und zucken ebenfalls mit den Schultern.

Was soll's. Hauptsache, sie haben überhaupt einen fahrbaren Untersatz. Und Hauptsache, er ist auch am nächsten Tag noch da! Im Augenblick ist Fahrraddiebstahl ein großes Problem in der westliche Industriestraße. Unter Verdacht stehen übrigens nicht die Flüchtlinge selbst, um das gleich vorwegzunehmen! Aber da sie zum einen nur unzureichende Schlösser haben, zum anderen ihre Räder nicht mal irgendwo sicher anketten können, gibt es oft lange Gesichter, wenn die Frühschichtler zum Beispiel morgens zur Arbeit radeln wollen und ihre Räder verschwunden sind. Zehn Stück, abgeschlossen!, lösen sich  manchmal in nur einer Nacht in Luft auf – unwiederbringlich. Mittlerweile ist das Problem bei der Stadtverwaltung bekannt, eine stabile Stange oder eine andere Möglichkeit der besseren Sicherung wird heiß ersehnt.

Bis dahin kommen die Flüchtlinge nun also auch mal mit leeren Händen zu ihrem Herrn Dorow und fragen nach fahrbarem Ersatz. Ein paar Schrotträder hat er zwar in der Doppelgarage, die im zehn-Minuten-Takt wieder dunkel wird, aber die taugen höchstens noch zum Ausschlachten. 


 

Und das ist nicht die einzige Sorge, die den netten, hilfsbereiten Rentner plagen. Denn seit neuestem ist er ganz allein auf weiter Flur, sein Mitstreiter, ebenfalls im Ruhestand, kommt nicht mehr. Die Knie. Arthrose. „Wenn er von der Werkstatt heimkam, konnte er nicht mehr gehen“, hat dessen Ehefrau kürzlich geklagt. Dorow hat Verständnis dafür, schließlich ist er auch nicht mehr der Jüngste. Aber bei allem Verständnis – wie soll er nun die Arbeit schaffen? Schon längst hat er sein Engagement an den Dienstagen bis in die Nachmittagsstunden ausgeweitet, aber er wird nie fertig mit dem Ansturm.

Manchmal bieten ihm Flüchtlinge ihre Mithilfe an, aber er kann wenig mit ihnen anfangen, denn natürlich will er sie nicht einfach herumschrauben lassen, sondern möchte sie in einem Mindestmaß ausbilden. Dorow, der einst in einer Motorradwerkstatt tätig war, ist allerdings ein ungeduldiger Lehrmeister. „Das hält auf, wenn jedesmal ein anderer kommt“, klagt er. „Ich habe schon einen Aushang in der Unterkunft gemacht, aber niemand hat sich bis jetzt gemeldet.“




Die jungen Männer, die heute um ihn herumstehen und auf eine Reparatur warten, horchen auf. Hilfe? Aushang? Sie wissen von nichts, bieten an, noch einmal persönlich bei ihren Mitbewohnern nachzufragen. Sie selbst können Dorow leider nicht helfen, denn sie gehen während der üblichen Öffnungszeiten in den Sprachunterricht. Außerdem braucht der Chef der Werkstatt natürlich jemanden mit handwerklichem Geschick.

Allein kann er das auf Dauer nicht schaffen.

Und wie aufs Stichwort kommt in dem Augenblick zufällig ein Besucher vorbei, grauhaarig wie Dorow selbst, an die 80 Jahre alt, wie er mir augenzwinkernd verrät. Eigentlich sollte er demnächst in der geplanten Radwerkstatt in Haueneberstein eingesetzt werden, wo demnächst eine neue Unterkunft eröffnet wird. Aber daraus wird wohl nichts mehr. Er ist nämlich krank, schwer krank. Der Arzt habe ihm jegliche körperliche Tätigkeit verboten, selbst Gartenarbeit sei tabu, erzählt der Grauschopf betrübt.

Dorow verzieht das Gesicht. So langsam wirkt er verzweifelt. „Haueneberstein kann ich doch nicht auch noch machen“, sagt er ratlos.

Wer Diedrich Dorow unterstützen möchte, möge sich persönlich per Mail bei ihm melden. Er lernt freiwillige Helfer auch gerne ein. Jederzeit. Nur nächste Woche nicht. Da nimmt er mal eine Auszeit und feiert. Seinen 75. Geburtstag. 




Wäre tatkräftige Unterstützung nicht das allerschönste Geschenk für ihn?... Schreiben Sie ihm!

Material und Fahrräder bitte nur nach Voranmeldung spenden, nicht einfach an der Unterlunft abladen!


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