Dienstag, 7. Juni 2016

Sprache - Didi


Didi, Onkel und die deutsche Sprache

Sie wollen evtl. ehrenamtliche(r) SprachlehrerIn werden? Dann lesen Sie mal das hier – es handelt sich um Fortgeschrittene.
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Ein Situationsbericht:
Da sitzen sie.
Grübeln, denken, rekapitulieren gelerntes Wissen, wenden es an, sichern ihre Entscheidung ab, schreiben sie guten Gewissens nieder. Büffeln, fragen, sind kreativ – oft derart sprachlich überraschend gut.
Wenn es nicht auf Anhieb klappt, helfen sie sich. Egal, ob aus den Ländern mit guter Bleibeperspektive oder mit nur zweiprozentiger Chance, hier zu bleiben. Egal, welche Herkunft gerade einen Hinweis benötigt. Religion, Politik, Kulturen, Muttersprache – alles trennt sie eigentlich.
Aber sie lernen hartnäckig und erfolgreich zusammen die deutsche Sprache. Egal ob Jurist, Putzfrau, Wirtschaftsprüfer, Soldat. Sie sind eine Klasse mit einem Ziel. Sie sind klasse.
Jemand kommt aus seinem Praktikum in das Klassenzimmer gehetzt. „Gerade noch geschafft!“ Handschlag und Umarmung. Jede(r) blickt mir in die Augen. Froh und motiviert. Eine Lady kommt zu spät, sie schämt sich. Dabei ist sie einfach nur körperlich fertig, weil sie einen der Jobs gemacht hat, den kein(e) Deutsche(r) machen will. Duschen und frische Kleidung, das hat ihre Verspätung verursacht. Verschwitzt und ungeduscht hier zu erscheinen: Für sie ein No Go. Wie auch für alle anderen, denn sie sind, wer sie sind.
Wir lachen uns an, wir verstehen uns. Sofort steckt sie die Nase in das neue Arbeitsblatt. Ihr Nachbar beginnt, ihr die verpassten Regeln zu erklären. Leise. Niemand soll gestört werden. Nach 10 Minuten versucht sie, ihre erste Lösung zu präsentieren. Gut. Kreativ. Nicht ganz korrekt. Und trotzdem super. Sie versteht die kleinen Korrekturen, formuliert neu. Perfekt. Absolut perfekt. Alle freuen sich. Ja, du bist mit uns zusammen. Wir sind toll!
Es ist heiß und feucht, 28 Grad heute, Fenster und Türe sind offen, damit es ein wenig Luftaustausch gibt.
„Didi“ kommt angewackelt. Didi ist ein Kleinkind, das gerade mal laufen kann. Seine Mama kommt oft in den Sprachkurs von mir, meistens hat sie Didi dabei. Didi hat seine ersten Worte im Kurs gesprochen, auf dem Tisch sitzend. Relativsätze usw. „Das ist die Postbotin, die die Briefe in den Postkasten steckt. „Postbotin, die die…“ musste ausführlich erklärt werden. Bis das kleine Menschlein lautstark lachend in die Runde rief: „DIDI! DIDI!“. Der Spitzname war gemacht. Didi kam also und zelebrierte unsere übliche Begrüßung: Im Türrahmen stehenbleiben, warten bis ich ihn anschaue, Didi grinst. Üblicherweise laufen die Kleinkindschnoddernase und die Spuckeschnute, weil die Zähne kommen. Ich gehe in die Hocke, Didi grinst, ich breite die Arme aus und Didi rennt los. Hochreißen, Flieger und dann „Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht“ auf der Tafel. Dazu noch Ohren und Haare. Didi versucht wie üblich, sich die Kreide in den Mund zu stecken. Mama kommt, entschuldigt sich, dass sie heute nicht kann. Didi winkt. Die SchülerInnen winken zurück. Mein T-shirt klebt ein wenig. Gut so.
Ein schwieriger und fieser Satz folgt. Die Hälfte der Leute erkennt in Sekunden auf meine Frage „Was ist das hier für ein Casus?“ „Das ist ein Genitiv! Ganz klar!“ Warum kein Dativ, müssen wir gar nicht diskutieren. Die andere Hälfte kann auch folgen und bestätigt, das sei ein Genitiv. Klar.
Mein Dativbeispiel, das viele Deutsche hier benutzen würden, belächeln sie. Quatsch, geht nicht. Meine Bemerkung, dass sie damit besser deutsche Grammatik beherrschen, als viele hier Geborene, bekichern sie. Der Onkel macht wieder Witze, finden sie.
In der Arbeitsvorlage des deutschen Verlags, der sich anmaßt, Deutsch als Fremdsprache zu vermitteln, finden Sie auf Anhieb zwei Tippfehler und einen Grammatikfehler.
Mal ehrlich. Wie schnell würden Sie arabische Schrift und die arabische Sprache lernen? Oder Yoruba aus Nigeria? Oder eine der 230(!) Sprachen Kameruns, neben Französisch und Englisch?
Ich habe euch, meine Schülerinnen und Schüler so lieb und ihr seid so unglaublich gut. Wieso gibt es Leute, die etwas gegen euch haben? Lasst uns nach vorne schauen!
Es grüßt Sie,
Michael Beck, ehrenamtlicher Sprachlehrer

Anmerkung: Auch wenn Sie keinen strukturierten Unterricht geben wollen, ist Ihr Engagement gefragt: Werden Sie Sprachpate! Ermöglichen Sie es diesen fleißigen Sprachschülern, das Erlernte anzuwenden. Reden Sie mit ihnen! Höen Sie ihnen zu und verbessern Sie sie (oder auch nicht)! Kontakt über die oben erwähnte Mail-Adresse oder die Ehrenamts-Ansprechpartner in den einzelnen Unterkünften.

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