Sonntag, 24. Juli 2016

Adler


Ein erster großer Schritt in die Selbständigkeit

Seit kurzem ist das Hotel Adler am Ooser Leo wieder belebt. Allerdings wohnen hier keine täglich wechselnden Hotelgäste, und auch in der Küche fließt kein griechischer Wein mehr und wird kein Gyros oder Souvlaki mehr zubereitet.




30 Flüchtlinge haben hier ein neues Zuhause gefunden, Menschen, die entweder bereits als Asylbewerber anerkannt sind oder mehr als zwei Jahre in Baden-Baden leben. 




Sie wurden kürzlich aus der Gemeinschaftsunterkunft Westliche Industriestraße hierher verlegt, nicht alle freuten sich vorbehaltlos darüber, manche waren auch etwas skeptisch.

Zu ihnen zählt auch Mohammednour aus Eritrea, ein „alter Bekannter“. Der freundliche 29jährige hatte bereits im vergangenen Jahr ehrenamtlich mitgeholfen, die legendäre Suppenparty des Bündnisses "Baden-Baden ist bunt" im Vincentiushaus im Rahmen der interkulturellen Woche vorzubereiten. Pünktlich und zuverlässig erschien er damals mit zwei weiteren Flüchtlingen zu den vorbereitenden Organisationssitzungen, auch wenn die Verständigung meist noch auf Englisch laufen musste. Sprachen wir Deutsch, nickte er höflich und lächelte, aber so ganz waren wir Ehrenamtlichen nie sicher, ob auch wirklich alles angekommen war. 


 

Daran erinnern wir uns jetzt und lachen herzlich darüber. Denn Sprachprobleme gibt es nicht mehr. Auch seine Schüchternheit hat er abgelegt. Wie befreit sitzt der junge Mann vor mir in seinem neuen hellen Doppelzimmer, das er sich mit seinem Landsmann Ismael teilt.




Seit einer Woche sind die beiden hier, überraschend schnell war der Umzug für sie angeordnet worden, nachdem sie flehentlich um eine Änderung ihrer extrem beengten Wohnsituation gebettelt hatten. Dass es dann so schnell gehen würde, überraschte nicht nur sie. 

Knall auf Fall durften sie wenige Tage später schon ihre Sachen packen, aber so ganz geheuer war es ihnen nun doch nicht. Sie wussten gar nicht, wohin die Reise gehen sollten. Und der Abschied aus der zwar beengten und verhassten, aber eben doch vertrauten Umgebung, in der sie seit Herbst 2014 lebten, fiel ihnen plötzlich schwer. Wohin würden sie umgesiedelt?, rätselten sie, und Ängste vor dem Ungewissen kamen hoch. Da mussten die ehrenamtlichen Helferinnen mit Engelszungen auf Mohammednour und seine Freunde einreden, bis sie schließlich widerstrebend ihre Habseligkeiten packten.

Und nun – nicht ganz eine Woche später - sitzen sie strahlend da. Alles ist wunderbar, sie sind glücklich. Endlich Ruhe! So ein schönes Zimmer! Ein eigenes Bad! Ein eigenständiges Leben!

Nun – mit dem eigenständigen Leben hapert es allerdings noch ein bisschen. W-Lan gibt es nicht, zum Deutschlernen in der Freizeit außerhalb der Sprachkurse müssen sie also zum  Bahnhof oder in die Shopping-Cité. Fernsehen? Fehlanzeige. Telefon? Fehlanzeige. Ummeldung bei den Ämtern, bei der Bank, der Versicherung? Großes Staunen. "Wir brauchen noch Hilfe", erkennt Mohammednour. "Noch sind wir Gäste hier. Unsere Sprache ist noch zu schlecht, und mit den Formularn kennen wir uns auch nicht aus."

Zum Glück gibt es weiterhin hilfreiche Geister um sie herum. Der vertraute Sozialarbeiter aus der Westlichen Industriestraße, Daniel Basler, wird ein-, zweimal in der Woche vorbeikommen, die Kolpingfamilie steht für kleine Hilfestellungen und ehrenamtlichen Spachunterricht parat, und auch die Ehrenamtlichen aus der Westlichen Industriestraße lassen ihre vertrauten Schützlinge nicht im Stich.

Aber Abnabeln muss nun sein. Die 30 Flüchtlinge im Adler sollen sich weitgehend selbst organisieren, betont der Sozialarbeiter. Anschlussunterbringung bedeutet, auch das Zusammenleben eigenständig zu formen, Putzdienste und Hausordnung zu erstellen und zu beachten. Der ehemalige große Gastraum, der nun als gemeinschaftlich genutztes Esszimmer dient, sieht einladend aus. Alles klappt also bislang ganz gut, wie ein kleiner Rundgang beweist.


 

Und Mohammednour? Kann bald den nächsten Schritt in Angriff nehmen. Im September startet sein Integrationskurs mit dem Buch Schritte Plus 5 – Level B 1 bedeutet das bereits! Und wenn dieser Kurs absolviert ist, dann kann es auch losgehen mit dem konkreten Planen der beruflichen Zukunft. Ob er allerdings sein in Eritrea begonnenes Medizinstudium aufnehmen oder fortführen kann und will, steht in den Sternen. 

Im Augenblick ist er froh, neben dem Deutschunterrricht einen Teilzeitjob als Maschinenhelfer in einer Firma in Bühl gefunden zu haben - auch wenn er dort mit ganz unvermuteten Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Da hat er nun also so schön Deutsch gelernt – und was nutzt es ihm? Wenig. „Bühler reden ganz anders als Baden-Badener“, hat er verdutzt festgestellt. „Am Anfang habe ich nichts verstanden.“ Aber mit Lachen geht alles. Auch die Völkerverständigung von Ort zu Ort.



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