Sonntag, 3. Juli 2016

Aisha Abdalo


Happy End in Baden-Baden

Aisha steht im Eingangsbereich der Flüchtlingsunterkunft und spielt mit ihrem Smartphone. Das Display ist zerbrochen, aber alles andere funktioniert. Gottseidank. Es gab auch andere Zeiten, in denen der Akku über Tage hinweg leer war und ihre Familie schier verrückt wurde aus Sorge um sie. Damals auf der Flucht, die sie ganz alleine angetreten hatte.

Ich habe die freundliche junge Ärztin, die seit Februar in Baden-Baden lebt, Ende April durch Zufall kennengelernt und war gleich gefangen von ihrer positiven Art. Offen berichtete sie mir schon bei der ersten Begegnung, was sie zur Flucht veranlasste, und wie man überlebt in einem Land, in einer Stadt, in der man nie sicher war vor Gewehrschüssen, Panzern und explodierenen Bomben. "Wenn es für kurze Zeit aufhörte, kamen wir aus unseren Verstecken und freuten uns, dass wir noch lebten", hatte sie damals berichtet. Und das ist ihre Geschichte:




Verloren wirkt sie, wie sie so da steht, wie ein kleines Vögelchen, das man beschützen möchte. Dabei ist sie es doch, die wie die meisten Menschen, die vor Krieg oder Hunger ihre Heimat verließen, stark und mutig ist – und trotzdem so positiv. Ihr Lachen steckt an, ihr Wille, sich möglichst schnell in Deutschland zu integrieren, ist unbändig. Bei unserem Gespräch ist sie ein wenig müde und abgespannt, kein Wunder, kommt sie doch direkt aus dem anstrengenden, Intensiv-Sprachunterricht an der Volkshochschule.

Mein Deutsch ist viel besser als damals, als wir uns zum ersten Mal trafen“, sagt sie stolz und lacht. Trotzdem wechseln wir lieber ins Englische, das ihr vertrauter ist. Diese Sprache hat sie schon als Kind in Syrien wortwörtlich als zweite Muttersprache aufgesogen, gab ihr Mutter doch als Privatlehrerin zuhause Englischunterricht.



Wenn ich groß bin, will ich nach Europa“, war folgerichtig die große Sehnsucht der kleinen Aisha, der noch dazu die Reiselust quasi in die Wiege gelegt wurde: Während sie sich im September 1989 schon ankündigte, machte sich ihre Mutter – der Vater arbeitete damals auf den Ölfeldern des Landes als Ingenieur - auf, um ihr Kind im Schoße der Familie zur Welt zu bringen, immerhin in Homs, zwei Stunden von Aleppo entfernt.

Bis vor zehn Jahren lebte die Familie in Aleppo, Mutter, Vater, Aisha und ihr sechs Jahre jüngerer Bruder, gutbürgerlich, zufrieden, ohne besondere Vorkommnisse. Dann zog die Familie in den Osten des Landes, nach Deir Al Zour, zu den großen Ölvorkommen (=> KLICK), und Aisha begann ihr Studium. Ärztin wollte sie werden, Internistin. Immer noch lebten sie in einer heilen Welt, doch dann, ganz leise, schlich sich der Krieg heran, den sie bis dahin nur aus dem Kino kannten. „Krieg – das war nichts Reales für uns“, sagt Aisha rückblickend.
 
Dann fielen erste Schüsse, starben die ersten Menschen. „Wir dachten, es hört wieder auf“, erinnert sie sich noch, aber tatsächlich wurde es schlimmer. Bomben explodierten, Gewehrschüsse zerrissen die Stille in den Straßen, doch es war nicht der IS, der näher rückte, sondern eine Auseinandersetzung der Freien Armee gegen die Regierungstruppen. „Wir konnten noch miteinander reden“, sagt Aisha, und wieder wuchs die trügerische Hoffnung, dass sich die Situation bessern würde.

Das Gegenteil trat ein.

2012 schließlich näherten sich die islamistischen Gruppierungen, der IS, es wurde schlimmer und schlimmer. Die Bevölkerung war entsetzt und hilflos.  „Wir verstanden das gar nicht“. Zumal es kein flächendeckender Schrecken war, der sich ausbreitete. „In jeder Stadt war die Situation anders.“ So auch in Deir Al Zour.

Und immer versuchten die Einwohner noch, ein halbwegs normales Leben zu führen. Normal – das bedeutete für Aisha der tägliche Gang in die Universität, in die Vorlesungen. Zehn Tage vor dem Examen standen Panzer in der Stadt, und sie lernte neben Anatomie und Blutgruppenbestimmung auch, die einzelnen Waffengattungen zu unterscheiden. Das Examen machte sie noch, dann fielen Bomben vom Himmel, die Bewohner verkrochen sich in die hintersten Räume ihrer Wohnungen, hofften, vor Bomben und Schüssen sicher zu sein.

Es hört wieder auf“, habe sie sich beruhigt, „morgen oder übermorgen, es muss doch wieder aufhören!“ Strom und Wasser funktionierten bis auf kurze Unterbrechungen und gaukelten Normalität vor. „Es war auch nicht so, dass die Kämpfe 24 Stunden ununterbrochen andauerten, auch Soldaten müssen mal schlafen und essen, und wir versuchten, in den Pausen weiterzumachen und zu leben.“

Aber es hörte nicht auf, und irgendwann blieb ihnen nichts anderes übrig als zu fliehen und alles hinter sich zu lassen. Was das bedeutet, blitzt nur kurz auf, während Aisha relativ gefasst weitererzählt: „Alles zurücklassen bedeutet: Die Fotos deiner Kindheit, Zertifikate des Vaters, und alle deine Lieblingskleider und Sachen, an denen du hängst.“

Während die Eltern erst nach Aleppo flohen und sich dann ins bis heute relativ friedliche Homs retteten, musste Aisha nach ihrem Examen trotz der Krise im Land versuchen, beruflich weiterzukommen. In Damaskus fand die frisch gebackene Internistin eine Stelle in einer Klinik, dort war der Krieg noch nicht angekommen, gleichwohl explodierten in einigen Stadtteilen Bomben. Mit der Zeit kamen die Angriffe näher. Manchmal, wenn sie sich nach ihrem anstrengenden Dienst im Krankenhaus auf dem Heimweg befand und Bomben hochgingen, wusste die junge Frau nicht, wohin: Zurück in die Klinik oder doch lieber nach Hause? Verwundete versorgen oder endlich mal schlafen? Vor oder zurück?

Auch wenn sie morgens das Haus verließ, um zur Klinik zu gehen, hörte sie die Bomben und musste sich bei jedem Schritt tapfer vorsagen: „Ich bin Ärztin, ich darf keine Angst haben! Ich muss und ich will den Menschen helfen und Leben retten!“

Dann trafen die Bomben ihre Klinik. Es war ein Tag, der so frisch in ihrem Gedächtnis ist, als sei es gestern gewesen: Der Sauerstoff fiel aus, die Patienten in der Notaufnahme und auf der Intensivstation brauchten dringend Sauerstoff, sie brauchten Hilfe... „Wir rannten hin und her, hatte Sauerstoffbehälter und pumpten mit den Händen, solange wir konnten, um Menschenleben zu retten.“ Auch ein Angestellter der Klinik starb bei dem Angriff.





Eineinhalb Jahre ging das so weiter mit dem Bürgerkrieg, mal mehr, mal weniger heftig. Nicht an jedem Tag, manchmal gab es nur einen Anschlag in der Woche, manchmal war eine ganze Woche Ruhe, dann gab es wiederum Tag für Tag Kampfhandlungen. „Dann wieder ist die Rede von Waffenstillstand, und du denkst, es ist vorbei.“ Zwar lebte und arbeitete sie im relativ geschützten Regierungsbezirk, aber die Rebellen schossen und bombten in ihren Stadtteil hinein, und natürlich wurde auch zurückgeschossen. „Auf der anderen Seite waren doch auch Familien und Kliniken...“ Ein Gedanken, der sie quälte.

Hinzu kam persönlicher Stress, die Sorge um die Gesundheit ihrer Mutter und um ihren jüngeren Bruder Jehad, der als erster die Konsequenz auf der trostlosen Situation zog und sich – gerade mal 21jährig – auf den Weg nach Deutschland gemacht hatte. Irgendwann war auch ihre Kraft restlos erschöpft. „Ich konnte nicht mehr“, sagt sie leise und hebt die Schultern, so langsam, als läge die Last der Welt immer noch auf ihnen.

Sie nahm Urlaub, besuchte ihre Familie in Homs und beschloss, ebenfalls zu fliehen. Es war ein folgerichtiger Schritt, denn nie hatte sie ihre alte Sehnsucht nach Europa verloren.

Was fasziniert sie an Europa? Drei Dinge sind es vor allem.
Erstens: Fairness. „In Syrien entscheiden außer deinen Noten viele unkalkulierbare Faktoren, was aus dir wird. Das ist ungerecht.“ Zweitens: Respekt. „Hier in Deutschland kann ich denken und sein, was ich will. Zuhause wurde alles be- und verurteilt, was immer man tut“. Und drittens: Perspektive. „Ich will hart arbeiten, aber dafür auch freie Zeit und angemessene Bezahlung bekommen.“ Mit anderen Worten: „Was nützt es, ein guter Doktor zu sein, wenn ich statt Lohn nur Hunger habe?“

Eines Tages, endlich!, meldete sich ihr kleiner Bruder. Seine Flucht war geglückt! Er war in Deutschland, und in Baden-Baden gelandet.

In diesem Augenblick stand für Aisha fest, dass sie es wagen und ihm folgen wollte und musste. Jetzt oder nie! Ende letzten Jahres sei es relativ einfach gewesen, nach Deutschland zu gehen, allerdings es war teuer. 1600 Euro sollte die Flucht umgerechnet kosten! Eine unermessliche Summe für die junge Ärztin, die in Damaskus gerade mal 70 Euro im Monat verdient hatte. Dieses Foto entstand am letzten Tag des Jahres 2015, der gleichzeitig Aishas letzter Tag in Syrien war:




Ein Cousin lieh ihr das Geld, und so packte sie ihren Rucksack und machte sich auf den Weg, mutterseelen allein. Mit dem Auto in den Libanon, mit dem Flugzeug in die Türkei, dann – der Schrecken aller Flüchtlinge: Mit dem Boot nach Griechenland.

Auch Aisha steht der Horror ins Gesicht geschrieben, wenn sie von der Überfahrt erzählt. „Es war Januar, wir hatten tagelang auf etwas besseres Wetter gewartet, dann ging es los, aber das Boot war schlecht, der Motor zu schwach, und stetig stieg das Wasser im Boot.“ Fünf Stunden trieben sie auf dem Meer, und das Wasser stieg und stieg. „Ich hatte keine Angst“, sagt die tapfere junge Frau und lächelt etwas schief. „Ich kann ja schwimmen. Aber ich habe ständig überlegt, wie ich meinen Rucksack halten soll, wenn das Boot sinkt und wir schwimmen müssen. Der Rucksack durfte nicht nass werden, da war alles drin, was ich war, alle Papiere, alle Zertifikate, alles, weshalb ich nach Deutschland unterwegs war. Und er war so schwer. Ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde, ihn hochzuhalten und zu schwimmen."

Das Wasser stand bereits bis zu den Knien, da kam das Rote Kreuz zur Rettung, und weiter ging die Flucht über die berüchtigte Balkonroute. „Es war kalt“, erinnert sich Aisha mit Schaudern, und in den Zügen gab es keinen Sitzplatz, man kauerte auf dem Boden, war vier Tage ohne Schlaf. In Kroatien kippte sie ohnmächtig um, aber weiter ging es, immer weiter.

Dass sie irgendwann tatsächlich Deutschland erreicht hatte, realisierte sie zunächst gar nicht. „Ich las fremde Buchstaben, ein klitzekleines bisschen Deutsch konnte ich schon, aber war das wirklich Deutschland?“ Sie glaubte es erst, als ein Polizist ihre Frage mit Ja beantwortete.

Sie hatte Glück, denn man erfüllte ihren Wunsch auf Familienzusammenführung und brachte sie nach Baden-Baden, wo ihr Bruder Jehad sie bereits sehnlichst erwartete. Glück auf beiden Seiten.


 

Und dann erst ihr Zimmer! Ein Einzelzimmer! Der pure Luxus nach Wochen ohne Privatsphäre, ohne funktionerende Türschlösser, ohne eigenes Essen. Endlich konnte sie auch wieder kochen und essen, was sie gewohnt war. Frittierte Eier zum Beispiel. Die hatte sie am meisten vermisst.

Also Glück pur?

Nicht ganz. Was nach der Ankunft in Baden-Baden folgte, waren zwei lange Monate der Ernüchterung, des Herumsitzens, denn es gab einfach keinen Deutschkurs für sie. „Ich habe doch immer gearbeitet und jetzt hatte ich nichts zu tun!“, erinnert sie sich kopfschüttelnd. Sie versuchte zwar, sich auf dem Zimmer selber Deutsch beizubringe, aber
die Untätigkeit machte sie verrückt, schlug ihr aufs Gemüt.

Und dann kam dieser eine Tag Ende April, an dem sie dachte, sie könne es wirklich nicht länger aushalten... => KLICK




Und siehe da – just zu dieser Zeit meldete sich eine ältere Dame, die gerne ein oder zwei Flüchtlingen ein wenig beim Erlernen der deutschen Sprache helfen wollte, nicht als Lehrerin, eher als gute Freundin. In der Minute, in der die Meldung hereinkam, lief die bis dahin auf ihrem Zimmer versteckte Aisha rein zufällig einer Ehrenamtlichen in die Arme – und so konnte der Zufall ganze Arbeit leisten. Denn seit diesem Tag ist Aisha fast rund um die Uhr beschäftigt:

Mit der älteren Dame, die nicht fotografiert und genannt werden möchte, trifft sie sich immer noch regelmäßig, erst diese Woche picknickten die beiden zusammen in der Gönneranlage. Eine weitere Ehrenamtliche wurde auf die junge Ärztin aufmerksam und nahm sie energisch unter ihre Fittiche, ebnete ihr den Weg in einen Intensiv-Deutschkurs bei der Volkshochschule, verschaffte Aisha eine Hospitanz in einer Praxis, damit sie nebenher deutsches Fachvokabular lernen kann, und sie zeigte Aisha die nächsten Schritte, die nötig sind, um schon bald die deutsche Approbation zu bekommen. „Ein Jahr brauche ich, dann kann ich wieder in meinem Beruf arbeiten“, hofft die 27jährige. Bis dahin heißt es: Lernen, lernen, lernen.

Daneben unterstützt Aisha eine Mitbewohnerin aus ihrer Unterkunft, die sich noch nicht gut in Deutschland zurechtfindet. Und montags, an ihrem einzigen unterrichtsfreien Tag, hilft sie seit neuestem im Tafelladen aus. Ehrenamtlich.

Bleibt da noch Freizeit? Hat sie Hobbys? Oh ja. Lesen. Im Augenblick arbeitet sie sich durch einfach geschriebene Kinderbücher auf Deutsch. Auch Schreiben ist ihr wichtig. Sie zeigt auf eine Kladde, die auf ihrem Bett liegt. „Ich schreibe meine Lebensgeschichte auf. Es wird ein ganzes Buch“, sagt sie und lacht ein bisschen. Wetten, dass es ein Buch mit Happy End wird?



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