Sonntag, 10. Juli 2016

Harald Nehmert


Musik ist sein Leben

Es ist eine andere, eine ganz besondere Welt, in die man eintaucht, wenn man den kleinen Laden mit den grünen Fensterläden in der Stephanienstraße betritt. Gitarren hängen an den Wänden, Trommeln stehen herum, Teppichen liegen auf dem Boden und Sitzkissen, und es gibt auch exotische Instrumente, die so einmalig sind wie der Mann, der sie baut, spielt und verkauft: Harald Nehmert.


Freundlich und zurückhaltend steht der 57jährige in dem kleinen Raum, die Ruhe selbst. Draußen braust der Strom der Autos vorbei, drinnen kommt man unweigerlich runter, passt man sich unwillkürlich einem ganz anderen Rhythmus an, dem Rhythmus der Ruhe, der Bescheidenheit, des Wohlfühlens, der Achtsamkeit.

Hier das Bild einer indischen Gottheit, dort ein indisches Musikinstrument – schnell wird klar, wo Harald Nehmert seine Ruhe gefunden hat: in Indien, vor vielen, vielen Jahren. 1982 hatte der gebürtige Rastatter gerade seine Schreinerlehre in Balg beendet, als er alles stehen und liegen ließ, den Rucksack schnürte und loszog. 


 

Was war passiert? Gab es einen Auslöser?

Nehmert hält kurz inne, dann lächelt er versonnen und versucht eine vage Erklärung, die mit wenigen Worten ausdrückt, was ihn zu diesem radikalen Schritt bewegt hatte: „Ich hatte einen strengen Vater, einen strengen Lehrer und einen sehr strengen Pfarrer. Ich war daher auf der Suche nach einem neuen Weltbild, nach einer neuen Spiritualität.“

Indien also war sein Ziel, wie bei vielen jungen Leuten Anfang zur damaligen Zeit. Also ein Freak im Ashram? Ein asketischer Aussteiger aus der Suche nach Esoterik? Ein ausgeflippter Hippie, der seinem Yogi folgt? Beileibe nicht! Nach Vater, Lehrer und Pfarrer brauchte er wahrlich keine neue männliche Führungsperson mehr. Er ließ ganz einfach Land und Leute auf sich wirken. „Ich zog ein Jahr mit dem Rucksack durchs Land, lernte es lieben, fand unter den Einheimischen wahre Freunde, lebte und arbeitete mit ihnen, half ihnen und machte mit ihnen zusammen Musik.“

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Es muss eine ganz besondere, tiefe Erfahrung gewesen sein, die ihn seitdem nicht mehr loslässt. „Mein Weltbild wurde auf den Kopf gestellt.“ Mit der Karma-Lehre habe er einen neunen Lebenssinn gefunden. Und er habe sich auf der Stelle in die Landschaft und die Menschen verliebt, sagt er. 


 

Was ist so unterschiedlich zum Leben in der westlichen Welt? 

Die zwischenmenschlichen Beziehungen zum Beispiel. Sie hätten in Südostasien einen anderen Stellenwert als in Deutschland. „Hier bei uns bin ich Einzelkämpfer, dort zählen familiäre und freundschaftliche Bindungen und Nähe.“ So zieht es ihn alljährlich nach Indien zurück, wo er mit vielen kleinen Hilfsprojekten arme Menschen, Leprakranke und Straßenkinder unterstützt. „Ich schicke ihnen privat Geld“, umreißt er die Hilfe, die er gibt. „Ich selber brauche ja nicht viel. Aber dort sind sie bedürftig, obwohl sie alle arbeiten.“

Auch in Deutschland, in Baden-Baden, zeigt Harald Nehmert sein großes soziales Herz: Seit zwanzig Jahren leitet er nun schon Bluna-Band (abgeleitet vom Werbeslogan aus den 70ern – „sind wir nicht alle ein wenig Bluna?“) der Lebenshilfe in Steinbach, in der er gemeinsam mit geistig und körperlich Behinderten auf einfachen Instrumenten, zumeist Trommeln, Musik macht. Auftritte im Kurhaus und zusammen mit dem Musikverein Sinzheim gehören zu den Höhepunkten der Band, es wurde sogar eigens ein symphonisches Werk für sie geschrieben und aufgeführt. 

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„Das ist mit die schönste Arbeit für mich“, sagt Nehmert, und man spürt deutlich, wie erfüllend und wichtig dieses ehrenamtliche Engagement für ihn ist. Seine Bandmitglieder sind ihm im Laufe der vielen Jahre sehr ans Herz gewachsen, und er freut sich zu sehen, wie sie sich durch die Musik bestätigt fühlen, wie sie Ruhe finden und an Selbstvertrauen gewinnen.

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Musik bestimmte Harald Nehmerts Leben von kleinauf. Schon mit fünf Jahren lernte er Klavier, mit 13 Jahren brachte er sich selbst Gitarrespielen bei, dann kam in den 90er Jahren noch Percussion dazu, inspiriert durch die Bekanntschaft mit vielen afrikanischstämmigen Migranten. Die Musik nahm immer breiteren Raum in seinem Leben ein, und folgerichtig gab er 1993 sein Möbelrestaurations- und Antiquitätengeschäft auf, das er, nach seinem Indienjahr zurückgekehrt, zehn Jahre lang in Rastatt betrieben hatte. Es erschien ihm irgendwann einfach nicht mehr kreativ genug, vorhandene Möbel zu reparieren und zu verkaufen.




Und so begann er, in seiner Werkstatt in Hügelsheim auf eigene Faust Instrumente zu bauen. Obertoninstrumente sind dies, auf diesem Gebiet ist er international anerkannter Spezialist. Seine Kunden kommen aus der ganzen Welt, die meisten aus den USA und der Schweiz, wo das „healing“ besonders verbreitet ist. Das Geschäft läuft gut, auch ohne Marketing und Webseite, einfach nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda.



Seit gut einem Jahr hat Nehmert nun einen kleinen Verkaufsladen in der Stephanienstraße, den er jeden Freitag und Samstag ab 14 Uhr öffnet. Denn „die Leute wollen die Instrumente sehen, hören, ausprobieren.“ Viele Therapeuten wenden sich an ihn, die den Klang nutzen, um Körper und Geist ihrer Patienten zu öffnen. Neuland sei das, gibt er zu, aber eines, das ihn fasziniert. Seit vielen Jahren hat auch er bereits viele und gute Erfahrungen auf dem Gebiet der Klangtherapie gesammelt.

Oberton-Klangtherapie – was ist das?

Flaggschiff unter den vielen exotischen Instrumenten, die er baut, ist der Klangtisch, auf dem auf der Unterseite der Tischfläche 80 Saiten auf einen Ton gespannt sind und miteinander harmonieren. Liegt ein Patient auf diesem Klangtisch, badet er quasi in Obertönen. Er hört den Klang, er spürt die Schwingungen. „Das macht Freude. Es harmoniert Körper und Seele. Angenehme Bilder kommen hoch, Traumbilder, aus denen die Seele spricht.“ Selbst die größten Zweifler könnten dies erleben, davon ist Nehmert aus Erfahrung überzeugt. Niemand könne sich der angenehmen Wirkung der Klangtöne nicht entziehen. 

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Die Wachträume entstünden durch das harmonisierende Zusammenspiel von Vibration und Obertönen, eine Wirkung, wie man sie sonst vielleicht nur nach lang eingeübter Mediation erreiche könne. Bei der Klangtherapie allerdings trete die Wirkung sofort und ganz von alleine ein, man müssen nichts weiter tun als zu liegen und zu hören und zu spüren. Wenn gewünscht, steht Harald Nehmert anschließend auch zur Verfügung, um diese Traum-Bilder zu deuten. Jahrzehntelange Erfahrung befähigt ihn dazu. Das Heilen helfe dann auch ihm selbst, denn: „Je mehr ich verschenke, umso mehr bekomme ich zurück.“

Auch deshalb nimmt er keine festen Sätze für seine Klangtherapie. Jeder gebe einfach das, was ihm diese Erfahrung wert sei. Und wenn jemand gar kein Geld hat, findet er auch eine Lösung. Reich werden will er nicht. „Ich bin ein genügsamer Mensch“, gesteht er, und man glaubt es ihm sofort.




Dass er in der Stephanienstraße in Baden-Baden gelandet ist, ist eher Zufall: Ein Musikerfreund hatte ihn auf den leerstehenden Laden aufmerksam gemacht. Und seit er hier residiert, öffnet er sich auch einem ganz neuen Publikum, denn sein Geschäft liegt auf dem täglichen Einkaufsweg der Bewohner des alten Vincentiushauses, das seit Anfang 2015 als Flüchtlingsunterkunft dient.





Und schon hat er eine neue Idee entwickelt: Einmal in der Woche möchte er ab sofort Flüchtlingen Gitarrenunterricht geben, und ihnen, weil sie ja auch in der Zwischenzeit üben müssen, die Gitarren sogar schenken – mit dem Wunsch, dass sie sie zurückbringen, wenn das Interesse erlahmt. Es werden keine hochwertigen Instrumente sein, aber sie werden, so hofft er, ihren Zweck erfüllen. Denn gewiss gebe es einige unter seinen neuen Schülern, denen es genauso geht wie ihm: „Ohne Musik könnte ich nicht leben.“


 

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