Donnerstag, 5. Oktober 2017

ikw - Tango


Flüchtlingsarbeit bei Tango Cariño:
Konzentration hilft gegen Ängste

Von Maria Wairich

Seit wann arbeitet Tango Cariño mit Flüchtlingen in Baden-Baden?

Im Mai 2016 war ich mit einem meiner Tango-Tänzer, Uwe Mayer, bei den Flüchtlingen zum gemeinsamen Trommeln mit der Gruppe „Talking Drums“ im Briegelackerzentrum. Es haben hauptsächlich Jungs und einige Mädchen einen Auftritt für ein türkisches Vereinsfest in der Weststadt vorbereitet. Wir haben auch gemeinsam eine Afro-Choreographie getanzt. Es war ein schöner, gemeinsamer Abend. Ich fragte die Jungs (die meisten von ihnen waren aus dem afrikanischen Raum), ob sie Interesse hätten, argentinischen Tango auszuprobieren. Sie hatten sich gleich gefreut.




Eine Woche später am Montag, habe ich sie in der Unterkunft in der Frankenstrasse besucht und der Unterricht hat eine gute Resonanz bekommen. Dabei wurde es für sie sehr schnell ganz natürlich in Paaren zu tanzen, unabhängig ob gemischt- oder gleichgeschlechtlich. Wir hatten viel gelacht und das Schöne war, dass die Teilnehmer aus dem arabischen und afrikanischen Raum sich vermischt haben und sich gegenseitig übersetzt haben, wenn einer oder anderer mich nicht verstanden hat.

Wir vereinbarten, uns regelmäßig montags in der Frankenstraße um 19.00 Uhr zum Tango lernen zu treffen. Anfangs war das eine starke Gruppe von bis zu zwanzig Personen in einem kleinen Übungsraum und es hat uns allen richtig viel Freude und Spaß gemacht. Sie waren sehr überrascht über die historischen Wurzeln von der Milonga als eine Tango-Gattung, die aus dem Afrikanischen kommt.
Im Juli auf unserer ersten Open Air Milonga im Restaurant Rosso- Bianco hat einer der Flüchtlinge, Ahmad Haj Hashem aus Syrien mit seiner Trommel eine Vorführung für die Tango-Tänzer gemacht und wurde sehr warmherzig aufgenommen.

In den Interviews im August 2016 haben einige der Flüchtlinge mir offenbart, dass sie beim Tango- Unterricht so konzentriert sind, dass es ihnen gelingt, sich zu Entspannen und den Alltagsstress und die Ängste über die Zukunft zu vergessen, aber es auch gleichzeitig hilft, die Vergangenheit zu verarbeiten. 


 

Einige haben sich dann auch ziemlich schnell getraut zu unseren regelmäßigen Milongas anfangs in der Kunsthalle und dann im Bad Hotel zum Hirsch zu kommen. Auch mit unseren Gastlehrern aus Argentinien besuchte ich die Unterkunft in der Frankenstrasse und später in Haueneberstein. Wir unterrichteten zusammen und unterhielten uns über die Migration und Flucht in der Tango-Geschichte. Beim Konzert und der Milonga im Rahmen der IKW 2015 besuchten unsere argentinischen Musiker, Leonel Capitano und Joel Tortul, die auch dieses Jahr dabei sind, Café Internation und luden die Menschen zu unserer Veranstaltung ein. Mehr als 20 Personen kamen zum Konzert und haben mitgetanzt und den Abend mit uns zusammen erlebt. Als Fabrice Ottou Onana, der aus Kamerun stammt und selbst den Weg der Migration und Entwurzelung durchlebt hat, seine künstlerische Wahrnehmung der Prozesse, die in einer Persönlichkeit bei der Flucht vorgehen, tänzerisch und musikalisch dargestellt hat, war das Publikum für einen Moment in eine dritte Dimension entführt. Den großen Bogen von Afrika über Argentinien und nach Europa schafften Leonel Capitano und Joel Tortul, indem sie Lieder aus aller Welt, gespielt und gesungen haben, die einen Einfluss seiner Zeit auf die Entwicklung des argentinischen Tango hatten. Der Höhepunkt des Abends war eine gemeinsame Chacarera- argentinischer Folklore-Tanz, die keine Person an seinem Platz zurück gehalten hat und fröhlich gemeinsam im Raum eine vereinte Atmosphäre geschaffen hat.

Als die Umverteilung der Gruppe im Herbst stattgefunden hat und sie in verschiedenen Häusern untergebracht wurden, haben sich viele anfangs gar nicht gemeldet. Dann habe ich es versucht, sie aufzusuchen und bot zuerst Unterricht in der Westlichen Industriestraße an.

Der Unterricht hat sich dort nicht etablieren können, so haben mich einige Teilnehmer darum gebeten in die Unterkunft nach Haueneberstein zu kommen. Sie würden sich sehr freuen und hätten mich sehr vermisst. So findet der Unterricht jetzt in einem viel kleineren Kreis dort statt. Einige der Flüchtlinge aus anderen Unterkünften kommen immer wieder zum Unterricht direkt ins Bad Hotel zum Hirsch und werden sehr willkommen von den Club-Mitgliedern aufgenommen.

Was war meine Motivation?

Selbst vor über 20 Jahren nach Deutschland gekommen, jung und naiv, habe ich Verschiedenes erlebt: von einer Seite ist mir das Gefühl des Verlustes eines so geliebten Landes - der Heimat - die Ängste und Unsicherheiten im Bezug auf die Zukunft, sehr bekannt. Dennoch bleibt mir immer mit Dankbarkeit in Erinnerung, wie liebevoll sich die Menschen, die in ihrer Zeit die Flucht nach dem Krieg erlebt haben, um mich und mein Kind gekümmert haben, um uns die Chance zu geben, sich wieder zu finden. Je schneller und erfolgreicher die Integration stattfindet, desto friedvoller werden wir zusammen leben. Das ist eine Bereicherung von beiden Seiten.

Das war und bleibt das Grundmotiv für meine Arbeit mit Flüchtlingen. 

 

So freut sich der Tango- Club Tango-Cariño über unser nächstes gemeinsame Projekt im Rahmen der Interkulturellen Woche Baden-Baden 2017: mit Workshops und Milonga mit Fabrice Ottou Onana und unseren Gästen aus Argentinien: Leonel Capitano, Joel Tortul und Germán Ruiz Díaz, die erneut bei uns zu Gast sind und uns auf zum „Tango de los mares“, eine gemeinsame musikalische Forschung  nach den u.a. afrikanischen Wurzeln im Tango Argentino, einladen.

Und hier das Programm:


Interkulturelle Woche 2017
bei Tango Cariño mit

Fabrice Ottou Onana, Kamerun
Leonel Capitano & Joel Tortul aus Rosario, Argentinien

Am Sonntag, den 08.10.2017
von 15 bis 22 Uhr

im Bad Hotel zum Hirsch, Hirschstr. 1, 76530 Baden-Baden

Umarmung ist der kürzeste Weg sich ohne Worte zu verstehen. Tango ist eine „spazierengehende Umarmung“. Wir freuen uns auf eine gemeinsame Zeit mit vielen Experimenten mit der Afro- und Tango Musik.
Tango als Schmelztiegel von Kulturen und nonverbaler Verständigung zwischen Menschen. Von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt, wird heute der argentinische Tango überall auf der Welt getanzt
Afrikanische Wurzeln im Tango? Kommen Sie mit uns auf eine gemeinsame Forschungsreise in der Musik und im Tanz!


Im Programm:


15.00 – 16.15 Uhr

Workshop 1

African fusion dance“

Afrikanischer und zeitgenössischer Tanz
mit Fabrice Ottou Onana
Vorkenntnisse: keine

Preis: 15€ (erm. 10€)


16.30 – 17.45 Uhr

Workshop 2

Tango de los mares“

Musikgattungen im Tango und ihre Geschichte.
Melodie und Rhythmus im harmonischen Spiel.

mit Leonel Capitano & Joel Tortul
Vorkenntnisse: keine

Preis: 15€ (erm. 10€)



18 – 22 Uhr

Milonga mit Live-Musik
von Joel Tortul und Leonel Capitano
Konzert „Tango de los mares“

Preis: 24(incl. Willkommensgetränk)
Kombi-Preis: Workshops & Milonga: 45€

19:00 Uhr
Show-Einlage von Fabrice Ottou Onana*

20:00 Uhr

Tango-Show mit Daniel Rodriguez & Maria Wairich*


*Show-Zeiten können abweichen

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Fabrice Ottou Onana aus Yaundé, Kamerun, bildet eine Brücke zur Musik und dem Tango Argentiniens. Fabrice, prämierter Tänzer für Afro-Breakdance und zeitgenössischen Tanz, wirkt mit seinen exotischen, faszinierend geheimnisvollen Tanzdarbietungen wie von einem anderen Planeten. Er ist ein Feuerwerk aus Musik, Rhythmik und Körperkunst.

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Leonel Capitano und Joel Tortul stammen aus Rosario in Argentinien.
Als Bandoneonist, Komponist, Forscher, Fernsehsprecher und Pädagoge ist Leonel Capitano einer der Gründer von mehreren kulturellen Zentren seiner Heimatstadt Rosario, welche das Tango-Leben in der Region fördern. Begleitend mit eigenem Bandoneon, führt er das Publikum durch die Tango-Geschichte mit seiner besonderen Tenor-Stimme, die mal warm und romantisch, mal rau und dramatisch klingt.

Seit 2004 gibt Leonel Capitano zahlreiche Konzerte auf großen und kleinen Bühnen in Europa. Nun kommt er zum 3. Mal zu Tango Cariño nach Baden-Baden mit dem derzeit beliebtesten Solo-Pianisten Argentiniens, Joel Tortul, der seit 2005 Preisträger und Gast verschiedener nationaler und internationaler Festivals und Volksfeste in ganz Latein-Amerika ist.

Das Repertoire von Joel Tortul reicht von argentinischer Folklore über die Tangos aller Zeiten bis hin zu seinen eigenen, virtuosen Kompositionen. Gemeinsam mit Leonel Capitano begeistert er das Publikum durch sein mal verspieltes mal tiefgreifend wildes Fingerwerk.

Zu den herausragenden Konzerten ihrer Europa-Tournees zählen: Das Abschlusskonzert der Biennale Kafka-Borges in Prag, das Konzert mit dem London Chamber Orchestra dirigiert von Fabricio Brachetta und die Mitwirkung beim Internationalen Jazz Festival von Barcelona, wo sie zusammen mit großen Künstlern wie Chucho Valdés, Michel Legrand, Los Van Van, Hiromi Uehara und anderen auf der Bühne standen.

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Daniel Rodriguez

studierte den Tango in seiner Heimatstadt Buenos Aires bei verschiedenen traditionellen nahmhaften Tänzern und mit dem Maestro der Maestros, Raùl Bravo. Gleichzeitig studierte Daniel Rodriguez Jazz Tanz. Er trat in vielen der bekannten Tango-Veranstaltungsorte in Buenos Aires auf, wie das Café Tortoni, Palais des Glaces, Tanguería Complejo Tango, Confitería Ideal und dem Salón Canning, einschließlich des Teatro Colón. Daniel war kontinuierlich Gastlehrer und Künstler in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und den USA.

Maria Wairich

Maria ist eine langjährige Tänzerin von verschiedenen lateinamerikanischen Tänzen, Tangolehrerin aus Leidenschaft. Ihr Humor und pädagogischer Erfahrungsschatz inspirieren nicht nur Tänzer, sondern auch Zuschauer zur immer wieder neuer Entdeckung im Tango. Sie nahm Unterricht zu verschiedenen Stilen bei Tangolehrern in Europa und in Argentienien. Darunter lernte sie die Essenz des Tangos intensiv im Estudio Dinzel in Buenos Aires .Die Schönheit, Lebensfreude, Harmonie und der gemeinsame Genuss beim Tanzen prägen ihren Tanzstil.



Fragen & Anmeldungen: +49160-859 41 04 - www.tango-carinio.de - maria@tango-carinio.de