Freitag, 22. September 2017

Bürgerpreis


Bürgerpreis für die Alltagshelden in der Flüchtlingshilfe

Stellvertretend für alle Flüchtlingshelfer in Baden-Baden erhielt das „Netzwerk Asyl“ gestern den Bürgerpreis 2017 der Sparkassenstiftung in der Kategorie „Alltagshelden“. Das Netzwerk, das sich im Herbst 2015 gründete, um mehr Struktur in die ehrenamtliche Begleitung der rund tausend Flüchtlinge zu bringen, setzt sich aus den Koordinator/innen der Freundeskreise in den einzelnen Unterkünften, dem Café international, den Sprachlehrern, dem Arbeitskreis Asyl und dem Patenschaftsprojekt sowie – als informatorische Klammer – dem Blog „Flüchtlingshilfe-Baden-Baden“ zusammen. 


 

Die Gruppe tagt einmal im Monat, um zu besprechen, wie die Situation und die Stimmung in den Unterkünften ist, mit welchen Schwierigkeiten man gerade zu kämpfen hat, wie man bestimmte Probleme gelöst hat und welche Wünsche man an die Stadtverwaltung hat. Diese Wünsche und Anregungen bespricht das Netzwerk dann am „Runden Tisch Asyl“ in regelmäßigem Turnus ca. alle sechs Wochen mit Vertretern des „Hauptamtes“, also der Verwaltung.

Jüngstes Sorgenkind, so berichtete Jacqueline Olesen aus Haueneberstein und Gründungsmitglied des Netzwerkes, sei im Moment eine neue Regelung, nach der Flüchtlinge seit 1. Juli für ihre Handys keine Pre-Paid-Karten mehr kaufen können, weil man den Anbietern einen deutschen Ausweis oder einen Pass vorweisen muss. Ein Flüchtlingsausweis wird nicht anerkannt. Das ist nun besonders in den Unterkünften schlimm, in denen es kein oder nur mangelhaftes freies W-Lan gibt und trifft vor allem die, die neu nach Baden-Baden kommen und dringend Kontakt zur Heimat herstellen wollen. Tage- und nächtelang hat man sich bereits in diese Angelegenheit reingehängt, aber es scheint keine Lösung zu geben, und viele Flüchtlinge schließen deshalb in ihrer Not für sie eigentlich unerschwingliche Handyverträge ab.

Diese Sorge wird die Flüchtlingshelfer die nächsten Tage und Wochen auf Trab halten, doch gestern war erst einmal Gelegenheit innezuhalten und mit Stolz zurückblicken zu können.

Rund 350 ehrenamtliche Flüchtlingshelfer in Baden-Baden vertritt das Netzwerk Asyl, schätzte dessen Sprecher Klaus Pistorius. 

Ihre Aufgaben sind vielschichtig wie das Leben: Sie reichen von der ersten Kontaktaufnahme zu den Geflüchteten, denen so etwas wie "Ehrenamt" fremd ist und denen erst einmal geduldig erklärt werden muss, dass es in Deutschland Menschen gibt, die anderen selbstlos helfen wollen, über Begleitung zu den Ämtern, zum Arztbesuch, hin zur Vermittlung in Sprachkurse, Hilfe beim Asylverfahren (durch den Arbeitskreis Asyl), Vermittlung von Regeln und Gesetzen in Deutschland bis hin zur Aktivierung in kulturellen und sportlichen Feldern wie Gesangsvereine und Fußballclubs. Wichtig ist hier auch das Café Kontakt in den Unterkünften, aber auch das Café international, das jeden Freitag im Bonhoeffersaal für alle Baden-Badener, ob neu oder alteingesessen, stattfindet. 

Ein breites Feld nimmt auch die Vermittlung in Arbeit ein, denn im Vorfeld müssen Lebensläufe geschrieben und "to-do-Listen eingepaukt werden, Ehrenamtliche gehen auch zu den potenziellen Arbeitgebern mit, handeln Praktikumsplätze und EQ-Maßnahmen aus, sorgen für Nachhilfe beim Besuch der Berufsschule (es werden neuerdings dringend noch ehrenamtliche Mathelehrer gesucht!) und unterstützen die Menschen, die ja auch psychisch oft am Ende sind. Außerdem telefonieren sie sich oft die Finger wund, um für ihre Schützlinge eine kleine Wohnung anzumieten. Dies ist der schwierigste Part, hörte man am Rande der Preisverleihung, denn hier habe man immer wieder ganz offen und direkt mit unverständlichen Vorurteilen zu kämpfen. Das ist oft frustrierend. Inzwischen gibt es schon das Modell des Wohnungspaten, der dem Vermieter anbietet, in eventuellen Konfliktfällen als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen.

Wenn man - ganz niedrig gegriffen - annehme, dass jeder sich im Durchschnitt vier Stunden in der Woche einbringt (eine Zahl, die bei den Netzwerkern belustigte Reaktionen hervorrief, weil die tatsächliche Stundenzahl viel höher ist), seien das seit Gründung des Netzwerks an die 50 000 Stunden Ehrenamtsarbeit, rechnete Klaus Pistorius vor. 



Der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Baden-Baden-Gaggenau, Stefan Siebert, sprach den Vertretern der Helfer daher höchstes Lob aus und überreichte Klaus Pistorius den mit 2000 Euro dotierten Preis im Beisein von Oberbürgermeisterin Margret Mergen und weiteren Mitgliedern der Stiftungsjury.  

Ein Baden-Badener Erfolgsmodell“ fasste es heute die örtliche Zeitung zusammen.