Samstag, 30. September 2017

Treibel - Integration


Rezept für gelingende Integration?
Smalltalk statt Herkunftstalk!
 

Einmal Ausländer, immer „Mensch mit Migrationshintergrund“? Oder: Kann man eigentlich auch Deutscher werden

Unter der Überschrift „Integriert euch“ nahm die Autorin und Professorin für Soziologie im Institut für Transdiziplinäre Sozialwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe, Annette Treibel, am Freitagabend im Bonhoeffersaal im Rahmen der interkulturellen Wochen ihr Publikum aus Flüchtlingen, Einheimischen, Menschen mit Migrationshintergrund, alten und neuen und neueren Deutschen mit in Gedankenflüge, wie und ob denn überhaupt die viel beschworene Integration möglich ist. 

Von links: Integrationsbeauftragte Svetlana Bojcetic, Annette Treibel, Hausherr Manfred Bender
 

Aus wissenschaftlicher Sicht, so betonte sie, gilt Deutschland seit mehr als 30 Jahren als Einwanderungsland, auch wenn es kein entsprechendes Gesetz dafür gibt und es dies offiziell wohl nur auf sehr lange Sicht geben wird.

Zahlen belegen dies:
2017 sind 22,5 Prozent der Bevölkerung in Deutschland „Menschen mit Migrationshintergrund“, das sind 18.6 Millionen Menschen. (In Stuttgart sind es 40 Prozent, in Freiburg 27, in Rostock 7.) 52 Prozent dieser „Menschen mit Migrationshintergrund“ sind Deutsche.

Von diesen werde sie schon oft entnervt gefragt, wann denn ein Migrationshintergrund endlich endet. „Wann werden wir dieses Label los?“ Ihr erster Vorschlag wäre daher eine neue Begrifflichkeit von „Einwanderern und ihren Nachkommen“.

Was aber ist Integration? Wie geht man in heutigen Zeiten miteinander um? Wie sollte man miteinander umgehen?

Eine schwierige Frage! Denn die Erwartungen seien, so Treibel, paradox: „Die Einwanderer sollen sich anpassen, aber bitte keine Deutsche werden, sondern immer als Ausländer erkennbar bleiben.“ Viele in der Bevölkerung möchten diese Trennlinie gerne behalten.
Dem setzt die Sozialwissenschaftlerin ihre These entgegen: „Deutsch kann man aber auch werden!“

Als Beispiel zeigte die Autorin ein Plakat, auf dem verschiedenen Menschen abgebildet waren. Darauf hieß es: „Wir sind keine Experten für Islam, Integration oder Gemüsehandel, sondern für Deichbau, deutsche Sprache und Mietrecht.“ Integration in einem „Einwanderungsland“ bedeute also Zusammenleben in privaten Beziehungen, beruflichen Beziehungen und Kooperation, Konflikte, Konkurrenz und Sympathie. „Der Alltag wird in den Medien viel zu wenig angeguckt“, klagte sie, dabei fände Integration genau dort statt.

Ein schönes Beispiel hierfür war der Film „80 qm Integration“ über den Alltag in einem Frisörsalon in Baden-Baden, den der Verein Aktivbrücke zu Beginn des Abends zeigte. „Ergänzen statt bereichern“ war für Treibel die allerbeste Umschreibung. Niemand verlange, dass sich alle liebten, aber man sollte miteinander auskommen können.

Eine weitere These, die die Zuhörer nachdenklich zurückließ: „Friedlich ausgetragene Konflikte stiften gesellschaftlichen Zusammenhalt“.

Das Rezept? Austauschen - nicht-Verstehen zulassen - sich mit Konflikten anfreunden - Selbstbewusst sein - Geduld haben, auch mit sich selbst und schließlich - den Humor nicht verlieren.

Ein erster Schritt könnte schon sein, beim nächsten – ersten - Zusammentreffen den Impuls zu unterdrücken, Menschen gleich zu fragen, woher sie kommen, und statt dessen das Gespräch mit dem Wetter oder den Baustellen in der Stadt zu beginnen. „Smalltalk statt Herkunftstalk“.

In den kommenden Wochen gibt es Gelegenheit, dieses spannende Thema im Rahmen einer Ringvorlesung „Alte Deutsche. Einheimisch sein im Einwanderungsland?“ an der Pädagogische Universität in Karlsruhe weiter zu vertiefen. Die Termine finden ab 23. Oktober bis 5. Februar immer montags von 18.15 bis 20 Uhr statt und sind öffentlich und kostenlos.

Nähere Informationen finden Sie hier => KLICK

Der Vortrag fand übrigens im Anschluss an das Café international statt. Manfred Bender appellierte am Ende des Abends leidenschaftlich, das Café international personell zu unterstützen, da das Team in letzter Zeit sehr ausgedünnt wurde und die regelmäßigen Treffen jeden Freitagabend auf Dauer so nicht durchzuführen sind. Wer das Team unterstützen möchte, möge sich bei Manfred Bender direkt melden.