Mittwoch, 25. April 2018

Integrationsmanagement


Neues Integrationskonzept in Baden-Baden
Ein Ziel: das eigene syrisches Restaurant

900 Flüchtlinge leben derzeit in Baden-Baden, ihre Zahl ist seit zwei Jahren mehr oder weniger konstant geblieben. Um ihnen die Integration in unsere Gesellschaft und Arbeitswelt zu ermöglichen, helfen ihnen in den Unterkünften die Sozialarbeiterinnen und ehrenamtliche Unterstützer. Viele der Geflüchteten werden auf lange Sicht hierbleiben, und ihre Unterbringung und Integrationsförderung würde zu Belastungen der Städte der Gemeinde führen. Deshalb hat das Land Baden-Württemberg nun Gelder für einen Pakt für Integration in Kommunen bereitgestellt.

PIK“, wie dieser Pakt genannt wird, läuft jetzt auch in Baden-Baden an: Auf die Dauer von zwei Jahren (gerechnet ab 1. Dezember 2017) erhält die Stadt für diesen Zweck pro Jahr 374 000 Euro. Von diesem Geld können nun – zusätzlich zur bereits vorhandenen Struktur - vier zusätzliche Stellen geschaffen werden. Diese neuen Integrationsmanagerinnen, die anerkannte Flüchtlinge auf deren Weg in die deutsche Gesellschaft und Arbeitswelt sehr eng unterstützen sollen, wurden gestern in Rahmen einer Pressekonferenz offiziell der Öffentlichkeit vorgestellt. 


Die neuen Integrationsmanagerinnen (von links): Rebecca Rastetter, Hannah Fürst, Astrid Bückers und Juliana Ebert.
 

Der zuständige Bürgermeister Roland Kaiser betonte in diesem Zusammenhang, dass die Stadt Baden-Baden – anders als viele andere Städte und Gemeinden – auf dem Gebiet der Integration auch dank des engagierten Ehrenamts zwar schon vor dem Starttag gut aufgestellt war, was vieles erleichtert habe. Nun aber werde es für die anerkannten Flüchtlinge mit großer Bleibeperspektive noch besser, in Deutschland Fuß zu fassen.

Um zu verdeutlichen, was genau ihre Aufgabe ist und was sie tun, hatten die neuen Integrationsmanagerinnen auch gleich zwei Fälle aus der Praxis mitgebracht: einen anerkannten syrischen Flüchtling mit guten Sprachkenntnissen, der erst kürzlich aus Südbaden nach Baden-Baden umgezogen ist. Im Augenblick verdient er sich neben dem laufenden Orientierungskurs sein Geld noch in Minijobs. Sein Fernziel ist, irgendwann in Baden-Baden das erste syrische Lokal zu eröffnen. Ein Plan, der auf Beifall stieß. 
 
Außerdem wurde ein junger Mann aus Kamerun vorgestellt, ebenfalls anerkannt, der sich vor allem darüber freute, endlich in Freiheit leben zu dürfen. Mit dem Deutsch haperte es noch ein wenig, und genau hier greift nun der Job der Integrationsmanagerin ein: Da werde nun geschaut, wie es nach der nicht bestandenen Prüfung weitergehen kann. Anträge auf einen weiteren Kurs müssen beim Bundesamt für Migration (BamF) gestellt werden, es muss Lernunterstützung gesucht werden, und alles mit dem Ziel, auch ihn möglichst bald, nach Erreichen des B1-Niveaus, als Maurer oder Industriemechaniker in Ausbildung zu bringen. Bei all diesen Schritten steht ihm die Integrationsmanagerin ebenfalls zur Seite und hilft beim Schreiben der Bewerbung, beim Finden eines Ausbildungsplatzes und – ein Traum aller Flüchtlinge in Baden-Baden! – irgendwann vielleicht auch bei der Wohnungssuche. „Ich bin bereit, die Vermieter anzurufen und auch hinzufahren“, erklärte Juliana Ebert, eine der neuen Integrationsmanagerinnen.

Gleichwohl ist hier auch stark und weiterhin das Ehrenamt gefragt, das mit individueller Sprachförderung und intensiver Unterstützung an der Seite der Verwaltung ackert. Was alles zu leisten, umriss Silke Heimann vom Netzwerk Asyl. Sie ist Koordinatorin der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer in der Unterkunft in der Westlichen Industriestraße und zählte beispielhaft auf, was die freiwilligen Helfer alles leisten: Lebensläufe schreiben, Bewerbungen schreiben, Begleitung zur Schule und Ausbildungsstätte, Finden von Arbeitsplätzen, intensive Begleitung beim Spracherwerb und bei der Arbeit, vorrangig auch Nachhilfe für die Berufsschüler, bei denen es häufig nicht nur an der Sprache, sondern auch bei den Anforderungen an Mathematik hapert. „Aus der Zeit von Kaffeetrinken und Kuchenbacken sind wir längst hinaus“, sagte sie.

Vier Vollzeitstellen schafft die Stadt Baden-Baden, finanziert durch das Land Baden-Württemberg, im Integrationsmanagement. Die erste, eine Caritaswissenschaftlerin, hat bereits zum 1. Dezember 2017 ihre Arbeit aufgenommen und die erforderlichen Strukturen geschaffen, zwei Angestellte (Soziologin und Dipl. Pädagogin) teilen sich jeweils zu 50 Prozent eine Stelle und sind außerdem als Flüchtlingsbeauftragte und als Bildungskoordinatorin tätig, eine weitere (Sozialpädagogin) wechselte zum 1. März aus der Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in das neue Ressort, und Vollzeitkollegin Nummer vier wird demnächst ihren Dienst aufnehmen. Neben der Einzelfallhilfe steht die Erfassung von personenbezogenen Daten, Information über Integrationsangebote, Erstellung von individuellen Integrationsplänen, Heranführung an zivilgesellschaftliche Strukturen und Vereine sowie natürlich die fallbezogene Koordination und Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Helfern.

Von den rund 900 Flüchtlingen in Baden-Baden ist ungefähr die Hälfte anerkannt und würde theoretisch in den Aufgabenbereich der Integrationsmanagerinnen fallen. Die Hälfte von ihnen ist aber bereits, wie Ludwig Herfs vom Arbeitskreis Asyl feststellte, auf bestem Wege in die Integration und hat einen Job oder Ausbildungsplatz. So ist es möglich, dass laut Auskunft der Fachbereichsleiterin Bildung und Soziales, Iska Dürr, jeweils eine Integrationsmanagerin rund 50 „Fälle“ betreuen könne – wobei hier noch definiert werden muss, wie Familien zu zählen (pro Kopf oder gesamt) sind.

Herausgepickt werden die Fälle nach Absprache mit dem Jobcenter, mit dem man laut Bürgermeister Kaiser vor kurzem eine enge Kooperation eingegangen ist. Die Aufteilung erfolgt in der Regel nach Stadtgebiet.

Betroffen sind nur Flüchtlinge (und hier vor allem Familien) mit hoher Bleibeperspektive, die also bereits anerkannt sind, eine „hohe Arbeitsmarktnähe“ haben und in der Regel aus den Ländern Syrien, Irak, Somalia und Eritrea stammen.

Um den Rest der in Baden-Baden lebenden Asylbewerber und Flüchtlinge kümmern sich auch weiterhin die Sozialarbeiter in den jeweiligen Unterkünften und die freiwilligen Flüchtlingshelfer. Die Ehrenamtlichen wiesen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass gerade dieser Personenkreis einen besonders hohen Unterstützungsbedarf habe. 

„Viele haben gut bezahlte Jobs und zahlen in die Sozialsysteme ein und verlieren diese Arbeit von heute auf morgen, und zwar genau an dem Tag, an dem ihr Asylantrag abgelehnt wird. Sie dürfen dann nicht mehr arbeiten, obwohl sie auch nicht abgeschoben werden können, weil ihre Heimatstaaten sie oft grundsätzlich nicht mehr zurücknehmen“, berichtete Ludwig Herfs vom AK Asyl, der hauptsächlich Verfahrensberatung anbietet. „Das ist verrückt“, betonte er, denn so lägen diese Leute dem Staat auf der Tasche, obwohl sie es nicht wollten und nicht bräuchten. Roland Kaiser sah dies ähnlich. „Das ist Sache der Politik“, sagte er. Er sei gespannt, wie es im Bund in Sachen Integrations- oder Einwanderungsgesetz weitergehe, nachdem bislang die CSU alles verhindert habe, nun aber den hierfür zuständigen Minister stelle.